Wiener Autosalon: Hier kommt Curd

16. Jänner 2015, 16:15
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Der Megastar Curd Jürgens kam 1956 auf dem Wiener Autosalon zum Mercedes 300 SL

Es war oft bitterkalt in den Messehallen des Praters, wo ab 1948 mit Unterbrechungen Autosalons abgehalten wurden. Der Termin lag im Winter, wie heute sollte dadurch das Geschäft angekurbelt werden.

Optisch kehrte damals der Wohlstand wieder nach Österreich zurück, Autos gehörten nach dem Abzug der Besatzungsmächte und der Wiederherstellung der Souveränität zum sichtbaren Ausdruck der persönlichen Freiheit. Mercedes trat ab 1956 am Wiener Autosalon nach dem Stil des Hauses auf, ein Silberpfeil aus dem Museum fungierte als optischer Star, da musste sogar der legendäre 300-SL-Flügeltürer etwas in den Hintergrund treten. Wahrscheinlich fror er in seinem Blechkleid ebenso wie die am Stand als Repräsentanten eingeteilten Mercedes-Mitarbeiter.

Die Verkäufer, elegante Herren, deren Hauptarbeit im Verteilen der raren Mercedes-Fahrzeuge bestand, waren des Geschäftes sicher. Bei der Auslieferung des Neuwagens "durfte" bereits der Kaufvertrag für das Folgefahrzeug, Lieferzeit rund drei Jahre, unterschrieben werden. An normalen Messetagen – Gastronomie nach heutigen Maßstäben gab es nicht – war ihr "Arbeitsplatz" der Würstelstand, wo sie vorher folgende Warnung ausgaben: Bestell keine Burenwurst, sonst wachst du morgens mit Pferdegewieher auf.

Ruhm bis Hollywood

Das Verkaufsteam weilte wieder bei Wurst und Kaffee, plötzlich Bewegung, Blitzlichtgewitter, Gedränge um Autogramme, der damals gefeierte Film- und Bühnen-Star Curd Jürgens – mit seiner Größe von 1,93 Metern ein Baum von einem Mann– trat auf, umgeben von einer Entourage von Schmeichlern und Pressebetreuern. Bis nach Hollywood reichte damals sein Ruhm, nachdem er die Bühne des Burgtheaters verlassen hatte. An seiner Seite seine damalige dritte Ehefrau, Eva Bartok, eine gefeierte Filmschönheit, im teuren Raubtierpelz.

Zielgenau steuerte Jürgens, schon damals ein prominenter Autosammler, auf den Mercedes-Stand zu – und dort in Richtung Mercedes 300 SL Flügeltürer. Posen mit Eva am Fahrzeugrand, Begleiter der Stars jagten einen einsamen Standhüter zu Jürgens mit den aufmunternden Worten: "Nun erklären Sie bitte endlich Herrn Jürgens das Fahrzeug".

Der Stern für den Star

Wohlwollender Blick des Filmhelden, doch bevor die ersten Sätze gesprochen wurden, stürmte die Phalanx der Verkäufer herbei, scheinbar durch Buschtrommeln verständigt. Mit unterwürfigen Gesten wurde Curd Jürgens der 300 SL erklärt, Frau Bartok mehrmals die Hand geküsst, dann rauschten Star und Gefolge wieder ab. Der Riese Jürgens konnte trotz einiger Versuche den 300 SL nicht besteigen, da halfen auch Kusshände seiner Frau herzlich wenig.

1957 stellte Mercedes auf dem Genfer Autosalon den 300 SL Roadster als Nachfolgemodell des Flügeltürers vor. Viele technische Komponenten stammten von seinem Vorgänger, die damals wichtige amerikanische Kundschaft verlangte aber nach einer offenen Version mit regulären Türen, um sich in der Sonne von Kalifornien oder Florida zeigen zu können.

Der 300-SL-Flügeltürer war ursprünglich ein Rennsportwagen, dessen Prototyp bei den 24 Stunden von Le Mans debütierte. Hochzuklappende Türen waren kein Gag, sondern eine technische Notwendigkeit, um die Stabilität zu garantieren. Der eher unbequeme Einstieg machte den Wagen nicht nur für Curd Jürgens, sondern auch für reiche Kunden etwas unbeliebt. Wie schrieb damals ein prominenter Motorjournalist: "Es ist ein Wagen zum Vorfahren, nicht zum Fahren."

Ikonen mit Nachfolger sind sehr selten, bei der 300-SL-Familie ist es aber passiert: Für den Roadster wurde der Gitterrohrrahmen umkonstruiert, um den Einbau konventioneller Türen zu ermöglichen – weg vom Image des Rennsportwagens, hin zu Luxus und offener Eleganz. Die technischen Grunddaten blieben erhalten: 6-Zylinder-Motor mit drei Liter Inhalt, 215 PS, Spitze 250 km/h, ab 1961 sogar mit Scheibenbremsen.

Modifizierte Roadster

Die Weltklasse der damaligen Promis wie der Schah von Persien, Clark Gable oder eben Curd Jürgens, der spontan bestellte, wollten offen in einem der 1858 gebauten Fahrzeuge gesehen werden, heute liegen die Preise dieses Oldtimers bei etwa 900.000 Euros. Für den amerikanischen Rennfahrer Paul O’Shea modifizierte das Werk 1957 zwei Roadster als Sportgeräte für die US-Meisterschaft, beide sind heute verschwunden. 1992 rekonstruierte Mercedes nach exakten Vorlagen einen solchen Wagen, er erhielt den offiziellen FIVA-Pass als Oldtimer. Was sonst noch als offenen Rennroadster à la 300 SL herumgeistert, läuft unter der Bezeichnung Nachbau, auch wenn Eide der Echtheit auf das Blech geschworen werden. Die Begeisterung für den Mercedes 300 SL Roadster hielt bei Curd Jürgens leider keine Ewigkeit. Er verkaufte den Schönling, um sich einen Rolls-Royce Silver Cloud zuzulegen.

Zurück zur Geschichte der Wiener Automessen. Kaum zu glauben, dass bereits am 5. Mai 1948, drei Jahre nach Ende der Kämpfe um Wien, in den Baracken des Praters Automobile gezeigt wurden. Rundherum russische Besatzungszone, die Wege durch den Prater noch immer gesäumt von Wracks ehemaliger Militärfahrzeuge.

Ein Jahr später stellte Wolfgang Denzel hier seinen Sportwagen WD vor, auch der erste Porsche 356 fand damals seinen Weg in das von den Wienern gestürmte "Autoparadies". Der Autosalon 1956 war aber eine Solonummer, erst 2004 kehrte die Automesse wieder in den Prater zurück. (Peter Urbanek, DER STANDARD Rondomobil, 16.1.2015)


  • Der Mercedes-Benz-Stand 1956 auf dem Wiener Autosalon.
    foto: martin pfundner

    Der Mercedes-Benz-Stand 1956 auf dem Wiener Autosalon.

  • Der 300 SL ist heute ebenso begehrt wie damals – etwa als Gast auf der Mille Miglia.
    foto: mercedes-benz

    Der 300 SL ist heute ebenso begehrt wie damals – etwa als Gast auf der Mille Miglia.

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