Die schräge WM im Emirat Katar

14. Jänner 2015, 16:50
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Deutschland, Island und Saudi-Arabien scheiterten in der Qualifikation, sind aber in Katar dabei. Sportpolitik und Sport sind nämlich zweierlei. Österreich will ins Achtelfinale

Klotzen statt kleckern. Auf diesen gemeinsamen Nenner, wenn man so will, haben sich der Handballweltverband (IHF) und Katar geeinigt, das ab Donnerstag die 24. WM-Endrunde der Männer veranstaltet. Das Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel hat nicht weniger als drei neue Hallen hingestellt, eine für 15.300 Zuseher (Lusail Multipurpose Hall), eine für 7700 Zuseher (Ali Bin Hamad Al Attiya Arena) und eine für 5500 Zuseher (Duhail Sports Hall). Der Weltverband wiederum hat dafür Sorge getragen, dass auch der größte und wichtigste Markt, der deutsche, beackert werden kann.

Deutschland hatte eigentlich die Quali verpasst, war im Playoff an Polen gescheitert. Ein Unglück für die WM, eine Katastrophe für die IHF, die um Sponsoreneinnahmen, TV-Gelder und Aufmerksamkeit umzufallen drohte. Doch der Weltverband wusste sich zu helfen. Quasi in einem Handstreich wurde dem ozeanischen Kontinentalverband sein Status aberkannt, und die Australier, die sich auf sportlichem Wege qualifiziert hatten, wurden von der WM ausgeladen, nachdem sie zuvor an sechs Endrunden en suite teilgenommen hatten.

Wildcard für Deutschland

Deutschland wurde mit einer Wildcard ausgestattet und nimmt in Katar den Platz Australiens ein. Die deutsche Reaktion war eine Mischung aus Erleichterung und Empörung. Selbst Ex-Welthandballer Daniel Stephan nannte die IHF-Entscheidung in einer ersten Reaktion "äußerst fragwürdig" und sprach von einer "Lex Deutschland". Später sagten noch Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate ohne Angabe von Gründen, also politisch motiviert, ab - sie stehen mit Katar nicht im besten Einvernehmen. Die IHF ließ Saudi-Arabien und Island nachrücken, Europa wurde schon wieder zum Nutznießer, und die Endrunde hatte noch einmal an Schrägheit gewonnen.

"Sportlich eine Katastrophe", sagt Konrad Wilczynski, "aber sportpolitisch nachvollziehbar." Wilczynski (32) ist Manager des HLA-Vereins Westwien, er spielte jahrelang für die Füchse Berlin, war einmal gar Torschützenkönig der deutschen Liga. "Die IHF weiß", sagt der Wiener, "wie wichtig der deutsche Markt ist. Sie hat ihre Regeln so ausgelegt, dass sie den Markt nicht verliert." Zudem hätte eine WM ohne Deutschland jene Gerüchte, dass Handball zur olympischen Disposition stehen könnte, fraglos befeuert.

Die bösen Österreicher

Dass Deutschland handballerische Probleme hat, rührt laut Wilczynski auch daher, "dass die deutsche Liga die beste der Welt ist. Dort spielen viele ausländische Stars, für die Jungen ist es schwierig, sich hochzuarbeiten." Bei großen Klubs wie Kiel oder Flensburg, die auch international mitmischen, kommen nur wenige deutsche Spieler zum Einsatz. Böse Zungen könnten behaupten, dass nicht zuletzt Österreicher den Talenten den Weg verstellen. Knapp zwanzig ÖHB-Spieler sind mittlerweile in Deutschland tätig, davon profitiert jedenfalls das Team, das sich großteils auf Legionäre stützt. Österreichs Ziel unter dem isländischen Teamchef Patrekur Johannesson ist das WM-Achtelfinale, Voraussetzung ist einer der ersten vier Plätze in einer Sechsergruppe mit Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Tunesien, dem Iran und Mazedonien.

Deutschland hat mit dem Isländer Dagur Sigurdsson, der früher auf Österreichs Trainerbank saß, einen neuen Teamchef bekommen, der in kurzer Zeit schon einiges bewirkte. "Und natürlich", sagt Wilczynski, "kann Deutschland eine gute WM spielen."

Zu den Favoriten, die da wären: Titelverteidiger Spanien, der zweimalige WM-Zweite Dänemark, der zuletzt zweimalige Olympiasieger Frankreich sowie Kroatien, zählt Sigurdssons Team aber klarerweise nicht. Obwohl - mit einem deutschen Medaillengewinn wäre die Schrägheit dieser WM erst so richtig steil. (Fritz Neumann aus Doha, DER STANDARD, 15.1.2015)

  • ÖHB-Teamchef Johannesson profitiert von vielen Legionären.
    foto: apa

    ÖHB-Teamchef Johannesson profitiert von vielen Legionären.

  • Arena 1: Lusail Multipurpose Hall.
    foto: apa/ghement

    Arena 1: Lusail Multipurpose Hall.

  • Arena 2: Ali Bin Hamad Al Attiya Arena
    foto: apa/haider

    Arena 2: Ali Bin Hamad Al Attiya Arena

  • Arena 3: Duhail Sports Hall.
    foto: apa/bothma

    Arena 3: Duhail Sports Hall.

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