Darling, ich bin im Dschungel

Ansichtssache14. Jänner 2015, 18:09
89 Postings

Wien – Er wolle endlich nur wieder einen Job haben, sagt Walter Freiwald. "Und zwar einen regelmäßigen." Ab Freitag hat er beides.

foto: rtl

Der ehemalige TV-Moderator ("Der Preis ist heiß", "Teleshopping") zieht für zwei Wochen ins Dschungelcamp von RTL, wo er sich regelmäßig mit zehn weiteren Insassinnen und Insassen auseinandersetzen darf, denen erfahrungsgemäß nach kurzer Zeit so langweilig ist, dass sie sich gegenseitig in die Haare kriegen, was vom Publikum durchaus erwartet und gewünscht wird.

1
foto: rtl

Höhepunkt ihrer Tage sind ziemlich grausige Tests, etwa das Verspeisen von Tierhoden oder Maden sowie das Sich-begrapschen-Lassen von Kakerlaken oder Spinnen. Für die Teilnehmer ist das in dieser Zeit allerdings der einzige Daseinszweck, da sie ja gekommen sind, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, weil sie sonst – wieder Walter Freiwald – "kein Schwein mehr" sehen will.

2
foto: rtl

Freiwalds Existenznöte mögen echt sein, wie RTL und Produzent ITV Studios Germany sie darstellen, ist Teil einer Inszenierung, die sich auch im neunten Aufguss bewähren soll. Am Flughafen auf dem Weg nach Murwillumbah, 850 Kilometer nordöstlich von Sydney, band sich Freiwald, den man bis dahin mit sauber gelegter Föhnfrisur kannte, sein Haar zur kecken Palme hoch. Was sagt uns das? Aha, komischer Alter! Auf rtl.de erzählt er von seiner Frau, die sich von einer Krebserkrankung erholt. Botschaft: Oh, der Ärmste! Dann spricht er noch über seinen Putzfimmel, das heißt: Leider doch verrückt. Mit ähnlichen Charakterfärbungen reüssierten schon Gottlieb Wendehals, Bata Illic, Peter Bond und Winfried Glatzen eder. Letzterer hielt die Vorgabe nicht durch und war letztlich grausiger als so mancher Tiersaft.

3
foto: rtl

Die meisten der Kandidatinnen und Kandidaten sind Produkte der Mehrfachverwertung des televisionären Müllhaufens und besetzen einen wiederkehrenden Typenraster. Neben "komischer Onkel" Freiwald sind das: der Draufgänger (Aurelio Savina), die Positive (Patricia Blanco), die Witzfigur (Rolfe Scheider), die Tapfere (Maren Gilzer), die Naive (Tanja Tischewitsch), der Eitle (Benjamin Boyce), die Zupackerin (Rebecca Siemoneit-Barum) und der Nette (Jörn Schlönvoigt).

Der Typus "Freizügige" ist dieses Mal gleich doppelt vertreten: Angelina Heger und Sara Kulka sind für das beliebte Randereignis "Zickenkrieg" vorgesehen, den RTL vorweg griffig "Busenduell der Dschungel-Blondinen" nennt. Man will offenbar sichergehen, dass im Jahr eins nach Larissa Marolt auch ganz bestimmt die Fetzen fliegen.

4
foto: rtl

Spätestens 2013 mit dem Grimmepreis hat das Dschungelcamp den Bereich des geächteten "Ekelfernsehens" verlassen. Niemand muss sich mehr genieren, wenn er sich beim Dschungelcamp vergnügt. Mittlerweile gibt es kluge Begründungen, warum das sein darf: Manche fühlen sich an den Wiener Aktionismus der 1960er-Jahre erinnert, wenn die Kandidaten Buschschwein-Anus und Buschhirsch-Sperma zu sich nehmen.

Das Dschungelcamp bilde zudem punktgenau das Medienzeitalter ab: Wie in den sozialen Netzwerken gebe es im Dschungel praktisch keine Privatsphäre mehr. Die Unberührbaren der Medienprominenz würden in den Mittelpunkt gerückt, das mache die Trashparade zum Intelligenzprodukt.

5
foto: rtl

Fakt ist: Es ist eine Show, und sie ist perfekt. Nicht nur, weil Sonja Zietlow und Daniel Hartwich die Geschehnisse mit geschliffenem Sarkasmus begleiten, sondern weil sich dieser Trash ein ums andere Mal so schön verselbstständigt. Wie etwa letztes Jahr, als Larissa Marolt den Dschungel fast aus den Angeln hob. Den Mut zum niederen Instinkt macht ihr vermutlich so schnell niemand nach. Wir werden sehen. (Doris Priesching, DER STANDARD, 15.1.2015)

6
Share if you care.