Hinterm Wellblech liegt das Traumreich der Multikultur

14. Jänner 2015, 17:07
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Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs "Das schwarze Wasser" im Nationaltheater Mannheim

Mannheim - Es ist unversehens das Stück zur "Je suis Charlie"-Stunde geworden. Es geht nicht um Mord und Totschlag, Blut kommt hier nur als Nasenbluten vor. Und das titelgebende "schwarze Wasser" ist eine poetische Projektionsfläche für Sterne und Träume.

Auch von Leyla, Murat, Karim, Mehmet und Aishe. Sie leben mitten in der deutschen Großstadtwelt von Frank, Cynthia, Freddy, Olli und Kerstin - und doch in einer Parallelwelt. Sie begegnen einander zufällig, verlieren sich aus den Augen, und einige laufen sich nach 20 Jahren genauso zufällig wieder über den Weg ...

Roland Schimmelpfennig, der preisgekrönte Autor (Jahrgang 1967), gilt als derzeit meistgespielter deutscher Gegenwartsdramatiker. Am Akademietheater bereitet er heuer gerade selbst als Regisseur die österreichische Erstaufführung seines Reiches der Tiere vor. Dass seine Arabische Nacht, Das Gesicht im Spiegel, zuletzt Der Goldene Drache sogar schon als Opernversionen (von Christian Jost, Jörg Widman und Péter Eötvös) Erfolg hatten, spricht für sich.

Die Bühnenpräsenz kann man nachrechnen. Die Sache mit der Gegenwart nachprüfen. Beim Dramatiker ist es wie bei Jelinek, Pollesch und allen anderen: Man muss sich auf ihre Methode einlassen. Es ist die Auflösung von Rollenzuschreibungen, Schimmelpfennigs Art, die Akteure auf der Bühne ihre Figuren gleichsam von außen betrachten zu lassen, dieses "Sagt-der-Mann", "Meint-die-Frau". Die in den Text integrierten Quasi-Szenenanweisungen galten einst nur dem Regisseur. Heute zeichnen sie unmittelbar den Weg vom literarischen zum theatralischen Text nach.

Im besten Fall lässt das den Zuschauer dabei zuhören, wie ein Sound entsteht, der eine ganze Welt imaginiert - oder wenigstens einen Teil davon - und sich zugleich vom boulevardesken Wortpingpong à la Yasmina Reza oder Lutz Hübner unterscheidet. Für die Uraufführung des im Auftrag der Frankfurter Positionen 2015 entstandenen Stückes Das schwarze Wasser am Nationaltheater Mannheim hat dessen Schauspielchef dem Autor, der allemal gerne selbst Regie führt, die Inszenierung abgerungen. Hatte Burkhard C. Kosminski im letzten Jahr noch bei seinem Ausflug auf die Opernbühne in Düsseldorf für einen veritablen Tannhäuser-Skandal gesorgt, bleibt er jetzt ganz der minimalistisch gebändigte Diener seines Autors.

Utopie im Schwimmbad

Die Bühne von Florian Etti beschränkt sich auf eine Wellblechwand. Unmerklich bewegt sie sich in den 90 Minuten auf die Rampe zu und verkleinert so den Raum für die sechs Akteure. Katharina Hauter, Ragna Pitoll, Anke Schubert, Boris Koneczny, Reinhard Mahlberg, David Müller teilen sich die 16 Rollen. Da wird die Zeit zum Raum, denn das schwarze Wasser ist ein Stück über die vergehende Lebenszeit. Es sind die ungefähr 20 Jahre, die zwischen den beiden Zeitebenen im Stück liegen.

Wenn die beiden Gruppen junger Menschen, deren Vornamen die Herkunft, das Wohnviertel und die sozialen Chancen verraten, eines Sommernachts im Schwimmbad aufeinandertreffen, kommt es nicht zu der erwartbaren Klopperei, sondern zu einer eher utopischen Nacht in einem Paradies der Träume. Eingewoben in den Text sind die Momente danach, mit den vorhersehbaren Karrieren. Als Anwalt, Direktorin oder Minister bei den einen, als Kassiererin oder Dönerbudenbesitzer bei den anderen. Man (er)kennt sich noch, hilft sich sogar. Dass aber Leyla und Frank nicht zusammenkommen konnten, ist so unvermeidlich, wie es die vorgezeichneten Biografien sind. Die Aufführung lebt von kleinen Fußangeln im hellsichtig deprimierenden Text, dessen Poesie geschickt mit dosiertem Wortwitz durchzogen ist und ohne Katastrophen auskommt. (Joachim Lange, DER STANDARD, 15.1.2015)

  • In Mannheim zwingt die Wand die Akteure zur Selbstvergewisserung.
    foto: florian merdes

    In Mannheim zwingt die Wand die Akteure zur Selbstvergewisserung.

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