Selfies: Von Psychopathen und Gesäßfotos

18. Jänner 2015, 09:41
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Skurriles und Wissenswertes über den Trend, sich selbst zu fotografieren

Selbstaufnahmen mit dem Smartphone etablieren sich zunehmend als Trenderscheinung. Egal ob Facebook oder Instagram, Fotos von sich selbst, üblicherweise des in ein Lächeln oder eine Grimasse verpackten Gesichts, finden sich auf Facebook, Instagram und Co. en masse.

Schon länger gibt es dafür ein nicht ganz unumstrittenes Kunstwort. "Selfie" nennt man die Aufnahmen. Der WebStandard hat sich aufgemacht, das Phänomen näher zu erforschen.

Begriff seit 2002 dokumentiert

Die älteste dokumentierte Verwendung der Bezeichnung reicht zurück ins Jahr 2002. Dort schuf ein Nutzer mit dem Namen Nathan Hope das Wort für ein Foto seines Gesichts mit blutiger Lippe, das er nach einem Sturz geschossen und in ein australisches Onlineforum hochgeladen hatte. Nachlesen lässt sich diese Frühgeschichte bei ABC.

Der Selfie-Trend macht auch vor mittelalterlicher Kulisse nicht halt.

Smartphonehersteller entdecken Trend

Wirklich in Mode kam der Begriff aber erst in den vergangenen Jahren, was auch der Elektronikindustrie nicht verborgen geblieben ist. Zahlreiche Hersteller führen mittlerweile Smartphones im Sortiment, die sich mit einer besonders guten Frontkamera und diversen Aufnahmemodi auszeichnen sollen.

Sony biete etwa das Xperia C3 an, HTC das Desire Eye und Samsung hat jüngst mit dem Galaxy A7 nachgezogen. Mit hohen Auflösungen, Weitwinkelerfassung, automatischer Fotoerfassung per Lächeln oder Geste und anderen Features sollen sie für Online-Narzissten keine Wünsche offen lassen.

Sind Selfie-Spammer Psychopathen?

Apropos Narzissten: Eine Studie der Ohio State University, durchgeführt mit 800 Männern zwischen 18 und 40, bietet zum Phänomen Selfie interessante Aufschlüsse. Wenig überraschend dabei ist, dass jene Teilnehmer, die viele solcher Fotos online posten und viel Zeit damit verbringen, diese davor noch digital aufzuhübschen, narzisstischer veranlagt sind, als andere Befragte.

Auch die Ausprägung anderer "antisozialen Persönlichkeitszügen" ist in diesem Fall erhöht. Wer allerdings oft Selfies ins Netz stellt, ohne sich um Nachbearbeitung zu kümmern, neigt demnach auch eher zu Psychopathie.

Dabei orten die Forscher auch eine Art Teufelskreis: Wer viele Fotos hochlädt, erhält mehr Rückmeldungen seiner Freunde, was dazu anregt, noch mehr Aufnahmen von sich selbst zu veröffentlichen. Die Wissenschaftler wollen nun herausfinden, ob damit das problematische Phänomen der Selbstobjektivierung anhand gängiger Schönheitsideale verstärkt wird.

Beliebtes Hilfsmittel: Der Selfie-Stick.

Armverlängerung

Probleme, mit denen sich die Handyproduzenten kaum befassen. Doch auch die Zubehörhersteller sind mittlerweile auf den Zug aufgesprungen. Weil es in manchen Situationen durchaus schwierig sein kann, das Handy beim Selfie-Schießen ruhig zu halten und man in Ermangelung längerer Hände auch das Hintergrundpanorama oft nicht so einfangen kann, wie gewünscht, wurden Selfie-Sticks erfunden.

Sie sind im Prinzip eine Teleskopstange mit einer Smartphone-Halterung am Ende und meist einem drahtlosen Auslösemechanismus. So landen am Ende auch noch die besten Freunde am Bild, ohne dafür den Ausblick auf das schneebedeckte Alpenmassiv opfern zu müssen.

Erste Verbote für Selfie-Sticks

Besonders – aber nicht nur – in Asien hat sich der Selfie Stick zum Renner entwickelt. In Südkorea beschäftigen die Geräte die Behörden und müssen mittlerweile vor dem Verkauf registriert werden. Der Grund dafür ist, so die BBC, dass sie aufgrund des üblicherweise integrierten Bluetooth-Moduls als Telekommunikationsgerät eingestuft werden und entsprechende Zertifizierungstests durchlaufen müssen. Wer ungeprüfte Sticks in Umlauf bringt, riskiert Strafen von umgerechnet bis zu 22.000 Euro.

Auch Fußballfans in Großbritannien müssen sich beim Umgang mit den Foto-Stangen mittlerweile vorsehen. Seit kurzem sind sie laut CNet in den Stadien von Arsenal London und den Tottenham Hotspurs verboten, da sie theoretisch als Waffe einsetzen lassen. Andere Teams könnten nachziehen, wenngleich manche Vereine eben jenes Gadget mit eigenem Branding im Fanshop anbieten.

foto: "101 useless japanese inventions"/w. w. norton & company
Der Selfie-Stick lässt sich bis 1995 zurückverfolgen. Er kommt wahrscheinlich aus Japan.

Chindogu

Die Geschichte des Selfie Sticks dürfte übrigens weiter in die Vergangenheit reichen, als man annehmen möchte. Ein aufmerksamer Reddit-User hat in einem Buch aus 1995 (hier zu finden in einer neueren Ausgabe aus 2005) über "101 nutzlose japanische Erfindungen" den "Chindogu" entdeckt.

Der "Self-Portrait Camera Stick" hat also wenigstens 20 Jahre auf dem Buckel, war damals freilich auf Kompaktkameras ausgelegt und verfügte noch über einen höchst analogen Auslösemechanismus. Zu großer Bekanntheit hat er es damals aber noch nicht gebracht.

foto: belfiestick.com (nachbearbeitet von derstandard.at)

Nächster Evolutionsschritt: Belfie

Doch womöglich ist auch der Selfie Stick bereits ablösereif. Zahlreiche Nutzer geben sich mittlerweile nicht mehr mit reinen Gesichtsporträts zufrieden, sondern wollen sich auch beim Trainieren in schöner Pose aufnehmen oder ihr Gesäß schön ins Rampenlicht rücken.

Eine Lösung gibt es dafür mittlerweile mit dem "Belfie-Stick", wobei das "B" tatsächlich für "Bum", also den Hintern steht. "Endlich Selfies von der Rückseite" lautet das Versprechen der Hersteller. Umgesetzt wird es mit einer Verlängerung des Teleskoparms an einem Gelenk, dessen Neigung sich ebenso wie jene der Handyhalterung frei einstellen lässt.

Die Nachfrage ist offenbar vorhanden. Im Onlineshop ist das eigenwillige Zubehör derzeit ausverkauft, soll aber bald wieder um 80 Dollar bestellbar sein. Der Selfie-Blüte steht also, wenn man so will, ein "Perspektivenwechsel" bevor. (Georg Pichler, derStandard.at, 18.01.2015)

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