Mediziner: Impfskepsis lässt Krankheiten wiederaufleben

15. Jänner 2015, 13:04
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Ärzte wollen Skeptikern mit Daten entgegentreten, Keuchhusten und Masern erleben "Renaissance"

Anlässlich des österreichischen Impftags am Samstag mahnen Ärzte, sich besonders für Patienten mit Impfskepsis ausführlich Zeit zu nehmen. Ihre Sorge hat Grund. "Die Zahlen von Keuchhusten und Masern sind seit 2010 merklich gestiegen. Krankheiten, die es praktisch nicht mehr gab, kommen wieder zurück", sagt Ursula Wiedermann-Schmidt vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Med-Uni Wien.

"Ein einziger Patient mit Keuchhusten kann bis zu 17 andere anstecken, die langwierige Krankheit kann auch Erwachsene treffen", betont Wiedermann. Sie sei auch, anders als viele vermuten, sicher nicht ausschließlich eine Kinderkrankheit.

Unwissen über Impfungen

Angesichts einer Umfrage sieht Wiedermann massiven Aufklärungsbedarf. Nur 39 Prozent aller Österreicher stehen demnach Impfungen vorbehaltlos positiv gegenüber, 57 Prozent sind skeptisch, vier Prozent sogar impfmüde. Kritiker seien vor allem in gebildeten Gesellschaftskreisen zu finden, "mindestens mit Matura", sagt die Infektiologin. Während Menschen aus sozial niedrigeren Schichten und Migranten ihre Kinder durch Impfungen schützen ließen, setzten Skeptiker auf eine persönliche Sicht. "Wir müssen versuchen, auf deren Argumente mit Ergebnissen aus evidenzbasierten Studien zu antworten", sagt Wiedermann.

Dass das durchaus zeitaufwendig sein kann, berichtet Kinderarzt Rudolf Schmitzberger, Impfreferent der Österreichischen Ärztekammer. Für ihn sind drei Botschaften wichtig.

  • Große schützen Kleine: Das sei etwa bei Keuchhusten der Fall, der hochansteckend ist und vor allem für Säuglinge lebensgefährlich. Auch Erwachsene können Überträger sein.
  • Kleine schützen Große: Das gilt etwa bei Grippeviren, die sich in Schulen und Kindergärten besonders schnell verbreiten. Vor allem für Großeltern, die mit Kindergarten- und Schulkindern in Kontakt sind, kann Influenza lebensgefährlich sein. Durch Impfungen erzielt man den sogenannten Cocooning-Effekt. Eine Studie hat ergeben, dass mit 402 geimpften Kindern ein Todesfall vermieden werden kann.
  • Impfkampagnen haben eine gut dokumentierte Wirkung.

Schmitzberger geht es vor allem um die Herdenimmunität, weil sie die Schwächeren schützt. "Es gibt zunehmend immunologische Trittbrettfahrer, die sich nicht impfen lassen, weil die anderen ja ohnehin geimpft sind", berichtet er. Diese Annahme sei aber ein Trugschluss. "Sinkt die Durchimpfungsrate, können bereits als ausgerottet geltende Krankheiten wiederaufleben", vor allem in Zeiten globaler Reisetätigkeit. Pocken und Kinderlähmung existieren nach wie vor in den Ländern der "dritten Welt".

Angst vor Aluminium in Impfungen

Ursula Wiedermann-Schmidt will bei Impfskeptikern vor allem die Gerüchte über allfällige Nebenwirkungen von Impfungen entkräften. Auf Platz eins der Vorbehalten rangiert Aluminiumhydroxid, das als Impfstoffverstärker eingesetzt wird. "Die durchschnittliche Aluminiumaufnahme durch die Nahrung beträgt bei einem Erwachsenen 105 Milligramm pro Woche. Das ist 130-mal mehr als durch eine Impfung", betonte die Impfexpertin und beruft sich auf Studien der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit.

Wenn Österreich aufhören würde, Kinder gegen Masern, Mumps und Röteln zu impfen, gäbe es dadurch in 14 Jahren dreimal so viele Tote wie heute im Straßenverkehr. "Nicht impfen ist egoistisch", sagt Schmitzberger. Von einer Impfpflicht hält sie allerdings nichts.

Neben regelmäßigen Preissenkungen im Rahmen von Impfaktionen will die Apothekerkammer die Impfmoral auch digital unterstützen. Auf der Apo-App gibt es seit Neuestem einen persönlichen Impfpass, in dem sämtliche Impfungen eingetragen werden können, auch jene der Kinder. "Wenn sie alt genug sind und selbst für sich verantwortlich, lassen sich diese Daten dann überspielen", sagt Apothekerkammer-Vizepräsident Christian Müller-Uri. (Karin Pollack, derStandard.at, 15.1.2015)

  • Ein kleiner Stich verhindert schwere Krankheiten. Nur wenn viele mitmachen, entsteht die Herdenimmunität.
    foto: reuters

    Ein kleiner Stich verhindert schwere Krankheiten. Nur wenn viele mitmachen, entsteht die Herdenimmunität.

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