Mahnwache gegen Terror und Islamfeindlichkeit in Berlin

13. Jänner 2015, 20:55
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Präsident Gauck: "Wir alle sind Deutschland" – 10.000 vor Brandenburger Tor

Berlin - Mit einer Demonstration der Solidarität nach dem Terror von Paris haben die Spitzen von Staat und Religionen ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben in Deutschland gesetzt. Bundespräsident Joachim Gauck rief alle Menschen unabhängig von Religion und Herkunft dazu auf, sich für Demokratie und Weltoffenheit einzusetzen. "Wir alle sind Deutschland", sagte er am Dienstag bei einer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor in Berlin. "Wir schenken euch nicht unsere Angst. Euer Hass ist unser Ansporn."

Aufruf durch Zentralrat der Muslime

Nach Angaben der Polizei verfolgten etwa 10.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor die Kundgebung. Zum Abschluss demonstrierten viele Teilnehmer Einigkeit: Sie hakten sich nach dem Vorbild der Großdemonstration in Paris vom Sonntag unter und schlossen die Reihen.

Zu der Mahnwache für ein "weltoffenes und tolerantes Deutschland und für Meinungs- und Religionsfreiheit" hatte der Zentralrat der Muslime in Deutschland aufgerufen. Damit sollte der insgesamt 17 Terroropfer in Paris gedacht und islamfeindlichen Bestrebungen entgegengetreten werden. Am Montagabend hatte die antiislamische Pegida-Bewegung in Dresden wieder 25.000 Menschen auf die Straße gebracht.

Gauck dankte allen Muslimen, die sich vom Terror im Namen des Islam distanzierten: "Das ist ein patriotisches Ja zu dem Land, in dem wir gemeinsam leben, zu unserem Land." Er kritisierte aber auch: "Die Distanz zwischen Einwanderern und Einheimischen, die Distanz auch zwischen Eingewanderten unterschiedlicher Herkunft wird noch zu selten überwunden."

Alle im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien nahmen an der Kundgebung teil, an der Spitze die Regierung mit Kanzlerin Angela Merkel sowie Bundestagspräsident Norbert Lammert, der französische Botschafter Philippe Etienne sowie Vertreter der jüdischen Gemeinde und der christlichen Kirchen. Auch der frühere Präsident Christian Wulff war dabei, dessen Zitat von 2010 sich Merkel am Montag ausdrücklich zu eigen gemacht hatte: "Der Islam gehört zu Deutschland."

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte in seiner Begrüßung: "Die Terroristen haben nicht gesiegt, und sie werden nicht siegen." Für Einschüchterung und Gewalt gebe es keine Rechtfertigung. "Wir werden es nicht zulassen, dass unser Glaube missbraucht wird. Wir werden es nicht zulassen, dass unsere Gesellschaft von Extremisten, die nur das Ziel haben, Hass und Zwietracht zu stiften, auseinandergerissen wird."

Kranzniederlegung vor französischer Botschaft

Die Mahnwache begann mit einer Kranzniederlegung vor der französischen Botschaft am Pariser Platz in Gedenken an die 17 Terroropfer. Zunächst wurden Verse aus dem Koran auf deutsch und arabisch vorgelesen: "Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne dass es einen Mord begangen oder auf der Erde Unheil gestiftet hat, so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte. Und wer es am Leben erhält, so ist es, als ob er alle Menschen am Leben erhält", heißt es in der Sure 5. In der Sure 49 wird daran erinnert, dass Menschen "zu Völkern und Stämmen gemacht" worden seien, "damit ihr einander kennenlernt. Der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste von euch."

Nach den Erklärungen der Religionsvertreter folgte eine Schweigeminute für die Opfer von Paris. Die Anti-Terror-Kundgebung wurde von der Polizei mit verstärkten Sicherheitsmaßnahmen geschützt. Mehrere Teams von Scharfschützen sicherten den Platz vor dem Brandenburger Tor.

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, rief die Welt, vor allem aber die Muslime auf, gegen islamistischen Terrorismus vorzugehen. Der katholische Berliner Weihbischof Matthias Heinrich betonte den Willen aller Religionen, sich bei allem Trennenden nicht gegeneinander aufbringen zu lassen. Der evangelische Bischof Markus Dröge rief dazu auf, den Dialog der Religionen fortzusetzen.

Merkel nannte es vor der Kundgebung ein wichtiges Zeichen, dass der Anstoß zu der Aktion von den Muslimen gekommen sei. Angesichts islamfeindlicher Demonstrationen verurteilte sie jede Ausgrenzung von Ausländern und Flüchtlingen. "Menschen, die aus Not, die aus Furcht um ihr Leben zu uns kommen, die Schutz suchen, haben ein Anrecht darauf, dass sie hier anständig behandelt werden", sagte sie. Außenminister Frank-Walter Steinmeier betonte: "Es ist ein starkes Zeichen, das tausende deutsche Muslime heute senden: Terror nicht in unseren Namen." (APA, 13.1.2015)

  • Demonstration vor dem Brandenburger Tor in Berlin.
    foto: apa/epa/schulze

    Demonstration vor dem Brandenburger Tor in Berlin.

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