Albtraum für Europas Juden

Kommentar13. Jänner 2015, 19:16
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Der muslimische Antisemitismus ist traurige Realität, aber keine politische Gefahr

Paris ist die Stadt, von der vor 200 Jahren unter Napoleon die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Juden ihren Ausgang nahm. Berlin ist die Stadt, in der vor 73 Jahren die physische Vernichtung des europäischen Judentums beschlossen und geleitet wurde. Und dennoch gilt Berlin heute als Magnet für junge Israelis, die auf der Suche nach Sicherheit und niedrigen Preisen dorthin ziehen, während zehntausende Pariser Juden überlegen, nach Israel auszuwandern, weil sie sich in Europa nicht mehr sicher fühlen.

Von einer jüdischen Fluchtwelle kann man noch nicht sprechen, und Antisemitismus ist nicht das einzige Motiv für Auswanderer. Aber die Ängste der französischen Juden sind nach mehreren blutigen Anschlägen auf jüdische Ziele verständlich. Nachdem die Terroristen vor einer Woche Journalisten hingemetzelt hatten, die bewusst ihre Religion verspottet hatten, wählten sie als ihre nächsten Opfer Juden, deren einziges "Vergehen" ihre Religion und Herkunft war.

Der Antisemitismus des modernen Jihadismus hat einen genozidalen Charakter. Was noch schwerer wiegt: Zu viele europäische Muslime verbinden - ebenso wie weite Teile der islamischen Welt - ihre Ablehnung des Staates Israel mit offenem und oft aggressivem Judenhass. Der islamische Antisemitismus ist eine traurige Realität - und für viele Juden in Frankreich, Belgien oder Schweden ein alltäglicher Albtraum.

Aber es gibt eine andere Seite des jüdischen Lebens in Europa. In seiner 2000-jährigen Geschichte hatten Juden auf diesem Kontinent noch nie so viel Sicherheit, Anerkennung und Wohlstand wie heute. Der abendländische Antisemitismus existiert noch, aber er hat seine zerstörerische Kraft und Dominanz eingebüßt - mit Ungarn als peinlicher Ausnahme.

In Ländern wie Frankreich, Deutschland oder Österreich tun die Politiker und die Bevölkerungsmehrheit alles, damit Juden sich heimisch fühlen. Den heutigen Rechtsextremisten sind andere Feindbilder zumeist wichtiger; offener Judenhass ist vor allem ein muslimisches Phänomen.

Für Juden stellt das zwar eine psychologische und manchmal physische Bedrohung dar, aber keine politische. Denn anders als von manchen Israelis oder im neuen Roman von Michel Houellebecq behauptet, steht kein "Eurabia" vor der Tür. Europas Muslime haben kaum Macht; im Vergleich zu jüdischen Bürgern sind sie tatsächlich ausgeschlossen und diskriminiert.

Dieses widersprüchliche Bild erfordert einen sensiblen Umgang mit dem Phänomen Antisemitismus. Israelische Politiker sollten Juden nicht auffordern, Europa aus Angst vor Gewalt zu verlassen; das Leben in Jerusalem ist weiterhin gefährlicher als in Paris.

Allerdings könnten auch europäische Politiker und Meinungsmacher besser auf jüdische Sensibilitäten eingehen: indem sie etwa jüdische Terroropfer nicht verschweigen, wie das bei der Wiener Gedenkfeier geschah; nicht gegen religiöse Rituale wie die Beschneidung hetzen; oder, bei aller Kritik an der israelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik, sich nicht - unter Vernachlässigung vieler schlimmerer Gräuel im Nahen Osten - auf die Fehler des jüdischen Staates einschießen.

Die Wiederkehr eines florierenden jüdischen Lebens auf der Asche des Holocaust ist eine der größten Errungenschaften des neuen Europa - und ein Geschenk für alle. Es wäre tragisch, wenn dies durch den Fanatismus einer Minderheit wieder verlorenginge. (Eric Frey, DER STANDARD, 14.1.2015)

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