Der Taumel als Forschungsobjekt: Ein Wanken durch die Disziplinen

14. Jänner 2015, 18:20
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Forschungsprojekt über das Potenzial des Taumels verbindet Kunst und Wissenschaft

Wien - Der gerade Weg ist immer der schnellste, aber häufig nicht der eindrucksvollste. Wer immer zügig geradeaus schreitet, wird neben sich einiges verpassen. Wer dagegen taumelt und ins Straucheln gerät, kommt vielleicht vom festen Weg ab, sieht aber auch ein paar Dinge mehr.

Ein vom Wissenschaftsfond FWF gefördertes Forschungsprojekt der Akademie der bildenden Künste Wien mit dem Titel "Dizziness - A Resource" will ermitteln, welches kreative Potenzial im Zustand des Taumels steckt. Die Ergebnisse dieser von Ruth Anderwald und Leonhard Grond geleiteten Auseinandersetzung sollen am Ende in einen Film münden, der das Phänomen des Taumels ästhetisch reflektiert.

Schon Platon sprach dem Taumel eine besondere Rolle zu. Der griechische Philosoph sah in diesem Zustand den Ursprung des Denkens: Was als unverrückbar und in Stein gemeißelt gilt, wird plötzlich instabil und es somit wert, überdacht zu werden, wenn die Welt um einen herum ins Wanken gerät.

Dass am Ende der Studie von Anderwald und Grond ein Kunstwerk als zentrale Publikation steht, ist dem Zustand geschuldet, dass die Projektleiter in erster Linie als bildende Künstler tätig sind. Anderwald und Grond wollen ihr Vorhaben aber ausdrücklich nicht als reines Kunstprojekt verstanden wissen - schließlich zeigen sich gerade bei der Annäherung an den Taumel Gemeinsamkeiten zwischen Kunst und Wissenschaft.

Kreativität im Taumel

"Der Taumel ist für unsere Begriffe eine Grundbedingung kreativer Prozesse", sagt Anderwald. Denn ein künstlerischer Schaffensprozess führt immer durch eine Ungewissheit. "Das ist in der Wissenschaft durchaus ähnlich: Man denkt, man geht von A nach B und dann kommt man am Ende doch bei C wieder raus."

Unterem anderem auch deswegen ist dieses Projekt interdisziplinär angelegt, sodass die beiden Künstler mit Wissenschaftern aus anderen Disziplinen zusammenarbeiten, in denen der Taumel ebenso eine Rolle spielt -- wie zum Beispiel in der Philosophie, der Psychologie, der (Risiko-)Pädagogik, der Innovationsforschung und der Medizin.

Die Wiener Taumelforscher kooperieren unter anderen mit Mathias Benedek, der am Institut für Psychologie der Universität Graz im Bereich der Kreativitätsforschung tätig ist. Benedek sagt über seinen Beitrag zum Projekt: "Wir wollen versuchen, den Fortschritt im kreativen Schaffensprozess von Künstlern zu quantifizieren." Dieser Versuch sei durchaus mutig, denn "bei der Zusammenarbeit mit Künstlern stellen wir häufig fest, dass sie oft Vorbehalte gegenüber einer naturwissenschaftlichen Perspektive haben, die versucht, Kreativität in Zahlen und Parameter zu übersetzen". Geplant ist in Graz eine Studie, bei der Künstler während des Schaffensprozesses begleitet werden und wobei beobachtet wird, wie sie sich dem Ergebnis nähern.

"Viele denken, dass die Ideenfindung ein spontaner Prozess ist. Aus unserer Perspektive ist das nicht zwingend so. Da greifen schon vorgelagerte Strategien und Wirkmechanismen zusammen", sagt Benedek.

In diesem Zusammenhang sei in dieser Forschung der Taumel wiederum ein neuer Faktor. "Vielleicht lässt er sich als etwas abbilden, das auf das kreative Ergebnis hinkonvergiert", sagt Benedek. Zuviel möchte der Psychologe aber noch nicht verraten, auch um die Studienteilnehmer nicht vorab zu beeinflussen.

Da das Projekt am Anfang steht, befindet sich derzeit so manches im Ungefähren. Angesichts der Weite des Feldes und der vielen bestehenden Unklarheiten finden sich die Forscher im Moment womöglich selbst in einem Zustand des Taumels wieder. (Johannes Lau, DER STANDARD, 14.1.2015)

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