Erik van der Weijde: Stille Bilder, die nicht lügen

13. Jänner 2015, 17:18
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Die unspektakulären, aber fesselnden Bilder des Niederländers sind erstmals in einer Einzelausstellung in Österreich zu sehen. In der Schau "Gebilde" in der Camera Austria erzählen oder verschweigen Leute, Rehe und Häuser Geschichten.

Graz - Der Blick auf die gleichförmigen, schlichten, sauberen, abweisenden Einfamilienhäuser hat etwas Dokumentarisches. Hier hat kein Familienmitglied oder ein Besucher ein Haus als Andenken fotografiert. Ein Beobachter stand hinter der Kamera, der mit Distanz und Nähe spielt. Im Falle der für NSDAP-Mitglieder in der NS-Zeit in Bayern erbauten Häuser wohl eher mit der Distanz.

Gleichförmige Architektur der Nazis taucht in der Arbeit des niederländischen Künstlers Erik van der Weijde immer wieder auf. Weil sich Bewohner der wenig attraktiven Eigenheime, die er 2008 für die Fotoserie Siedlung festhielt, wie "ein Volk" fühlen sollten, blieb für Individualismus kein Platz. Nicht einmal Balkone ragen aus den Fassaden.

Siedlung ist derzeit in der Ausstellung Gebilde mit zahlreichen anderen Serien in der Camera Austria in Graz ausgestellt. "Es ist die erste institutionelle Einzelausstellung von Erik van der Weijde in Österreich" , erzählt der Leiter der Camera Austria, Reinhard Braun beim Rundgang. Der in Brasilien lebende Niederländer Van der Weijde war Braun und der Kuratorin der Schau, Maren Lübbke-Tidow, schon länger bekannt - vor allem durch seine Bücher. Die meisten der Fotos wurden nämlich - teilweise im Eigenverlag des Künstlers in Brasilien - publiziert.

Nun hängen seine Fotografien nicht an den Wänden des "Eisernen Hauses", in dem sich die Camera Austria befindet, sondern liegen auf einem langen Tisch auf, der den Ausstellungsraum kreisförmig durchzieht. Man geht an einer mit Bildern reich gedeckten Tafel entlang und senkt den Blick wie zu einem Buch, wie es für Abbildungen üblich ist.

Van der Weijde hält verschiedenste Dinge in aller Welt fest, was ihm gerade interessant erscheint. Dabei hat er nicht den Anspruch eines professionellen Fotografen und verwendet nicht einmal besonders teure Kameras. Was ihm auffällt und wie er es manchmal fast beiläufig zu einer Serie verknüpft, macht jedoch den großen Reiz seiner Bilder aus.

Heilige Rehe und Hiroshima

Bei der Schwarz-Weiß-Serie Deer Park etwa, sieht man erst bei näherem Hinsehen, dass hier Rehe in ziemlich ungewöhnlicher Umgebung herumspazieren. In Nara bei Kyoto gelten die Tiere nämlich als heilige Boten der Götter - und dürfen daher so ziemlich alles. Sie gehen durch Straßen und Geschäfte und betteln mit Bambis Charme frech um Futter.

Architektur fotografierte Van der Weijde zuletzt auch in Hiroshima. Dort besuchter er im Vorjahr einen Wohnkomplex, der als letzter Teil der Stadt wiederaufgebaut wurde. Allerdings "vergaß" man dabei auf eine Zufahrtsstraße. Hier wohnt Tristesse. Skurril muten hingegen Details aus der Serie Ludwig II an, in der auch Jagdhäuser und Lusthäuser um Schloss Neuschwanstein auftauchen.

Ebenfalls aus 2014 stammen die acht Bilder der Werkgruppe Senate, Brazil . Das von Oscar Niemeyer gebaute Kongressgebäude in der Stadt Brasilia wurde von allen Seiten abgebildet und das Rot der umliegenden Straßen nachträglich zum Leuchten gebracht. Das Bemerkenswerte an van der Weijdes Aufnahmen ist - selbst in den sehr konzeptuell angelegten - die vermittelte Authentizität. So auch in einer Serie von Autos, deren Innenleben der Künstler in Japan durch die Scheiben aufspürte. Man glaubt, hinsehen zu müssen, weil man etwas entdecken könnte oder einfach, weil seine Bilder nicht lügen, nichts vorgaukeln.

Manchmal versteckt sich die Geschichte zu den Fotos auch: Etwa bei den Patinoires (2006), Bildern von leeren Eisbahnen, auf denen der belgische Verbrecher Marc Dutroux eislief, bevor er Kinder entführte. Oder in der Serie Der Baum mit Bäumen aus aller Welt. Auch einem aus der Straße, in der Natascha Kampusch acht Jahre gefangengehalten wurde.

Auch private Aufnahmen der brasilianischen Schwiegermutter, der Ehefrau und des Sohnes van der Weijdes (Letzterer steht in This is not my Son in Faschingsmasken Modell) wirken nie gestellt. Das Fehlen von allem Spektakulären, die Entspannung, der karge Hintergrund vermitteln eine Nähe, die still ins Bild zieht. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 14.1.2015)

Bis 15.2.

  • Das Kongressgebäude in Brasilia wurde für die achtteilige Serie "Senate, Brazil" im Vorjahr von Erik van der Weijde umkreist.
    foto: erik van der weijde, camera austria, graz

    Das Kongressgebäude in Brasilia wurde für die achtteilige Serie "Senate, Brazil" im Vorjahr von Erik van der Weijde umkreist.

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