Die Magie der Gemeinsamkeit

Kommentar der anderen13. Jänner 2015, 17:22
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Die Demonstrationen in Paris und anderswo in Europa haben die europäische Seele aufleuchten, die europäische Wertegemeinschaft gegen die Feinde der Freiheit aufstehen lassen

Es gibt sie also doch: die Momente, in denen unzählige Menschen ein Gefühl der Gemeinsamkeit tatsächlich erleben - unabhängig von Herkunft, Alter, Religion, Geschlecht oder politischer Überzeugung. Der 11. Jänner 2015 wird uns in Erinnerung bleiben als ein Augenblick, indem uns bewusst war, Europäer zu sein, verbunden zu sein nicht nur durch ein oft undurchsichtiges Geflecht an Rechtsvorschriften, Institutionen, Plänen und Vorhaben. Für einen flüchtigen Moment hat an diesem Sonntag in Paris aufgeleuchtet, was über die kleinen, manchmal sogar kleinlichen Anliegen und Sorgen des Alltags hinausgeht, weil es unsere Identität in ihrem Kern berührt: Wir wollen aufrecht leben. Wir werden den Kopf nicht einziehen vor denjenigen, die unser europäisches Lebensmodell ablehnen und ihm Gewalt antun wollen. Die Franzosen haben uns in diesen für sie so schmerzlichen Stunden vorgelebt, wie man mit erhobenem Kopf dem Terrorismus entgegentritt. Eine beeindruckend klare Botschaft der Unerschrockenheit.

Ja, Europa hat eine Seele. Und diese Seele verschafft sich Sichtbarkeit und Gehör in der stillen Entschlossenheit der Franzosen, sich der Gewalt nicht zu beugen. Wie oft wird beklagt, dass es kein europäisches Bewusstsein gäbe, keine europäische Öffentlichkeit, keine europäische Solidarität. Wer Augen hatte, zu schauen, wer Ohren hatte, zu hören, der hat am 11. Jänner in Paris die Magie zukunftsgerichteter Gemeinsamkeit erlebt, der hat für einen kostbaren Augenblick jenseits aller Worte gespürt, was es bedeutet, Teil einer Wertegemeinschaft zu sein.

Die Franzosen, dieses notorisch rebellische Volk, haben ihre in Jahrhunderten zähen Ringens erworbene Freiheit verteidigt. Mit dem Farbstift in der Hand haben kleine Kinder uns das Erbe Voltaires vor Augen geführt: "Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich werde Ihre Freiheit, sie zu äußern, notfalls mit meinem Leben verteidigen".

Die Franzosen sind verletzt, ähnlich den Amerikanern nach dem 11. September 2001. Sie haben im Versuch spontaner kollektiver Selbstheilung zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht einknicken werden vor blutiger Zerstörung. Wer den Bürgerkrieg in diese Gesellschaft tragen will, dem wurde eine Lektion erteilt, der hat Anschauungsunterricht in zivilgesellschaftlichem Stehvermögen bekommen - von französischen Atheisten, Juden, Muslimen, Katholiken und Protestanten.

Auch so kann ein Zeichen wirksamer Auflehnung gegen das scheinbar Unausweichliche aussehen: Vor unserem inneren Auge legt sich über das schreckliche Bild der Hinrichtung eines muslimischen Polizisten durch die Attentäter langsam das tröstliche Bild von Millionen Franzosen, die gemeinsam mit ihren europäischen Freunden für eine Zukunft in Frieden und Respekt füreinander aufstehen. Es geht auch darum, einander Mut zu machen, das Furchtbare nicht unbeantwortet im Raum stehen zu lassen. Die Welt hat dieser Tage in Paris erlebt, dass es ab sofort nicht nur den 11. September gibt, sondern auch einen 11. Jänner. (Ursula Plassnik, DER STANDARD, 14.1.2015)

Ursula Plassnik (58) ist österreichische Botschafterin in Paris.

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