Die Paranoia von der "Lügenpresse"

Kolumne13. Jänner 2015, 17:20
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In der Wut gegen die westlichen Medien treffen sich "antiimperialistische" Linke wie völkische Rechte

Deutsche Sprachwissenschafter wählen jedes Jahr das Unwort des Jahres. Diesmal ist es "Lügenpresse". Das Schlagwort "war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien", begründete die Jury ihre Entscheidung. "Lügenpresse" - das schreien die Pegida-Demonstranten und malen es auf ihre Plakate. Aber der Begriff tobt seit einem Jahr auch durch alle obskuren Desinformations-, Hass- und Verschwörungswebsites im Internet. Er wird nicht nur von Rechten, sondern auch von Linken als Kampfbegriff gebracht. "Lügenpresse" - oder auch "Mainstreamzeitungen" - damit sind in Deutschland Kaliber wie die Frankfurter Allgemeine, die Süddeutsche, die Welt, die Zeit, der Spiegel etc., etc. gemeint.

"Lügenpresse", das sind alle, die die großen Themen (Einwanderung, Islam, Euro-Krise, Russland/Ukraine, Griechenland etc.) sachlich und ohne verrückte Verschwörungstheorien behandeln, die nicht der Meinung sind, dass es eine großangelegte Verschwörung von "Volksverrätern" gibt, um möglichst viele muslimische Immigranten nach Europa zu bringen; dass der Euro keine Erfindung einer nebulosen Finanzkamarilla ist, um "das Volk" seiner Spargroschen zu berauben?

Die "Lügenpresse" ist selbstverständlich gekauft, ist Befehlsempfängerin von Europäischer Union, Nato, CIA, Bilderberger, Freimaurer, Illuminaten - "you name it". Im Internet gibt es Dutzende von Desinformationswebsites, manche sogar im Gewand seriöser Nachrichtenportale, die alle einen Grundtenor haben: Wir werden belogen, und wenn man uns nachweist, dass unsere Behauptungen Hirngespinste, ja blanke Paranoia sind, dann bleiben wir unbeirrt, denn dass man eine Verschwörung nicht beweisen kann, ist ja erst recht der Beweis für die Perfidie und Abgefeimtheit der Verschwörung.

Das Problem dabei ist, dass ziemlich viele Leute diesen Quatsch glauben. Dass unter desorientierten muslimischen Jugendlichen in Frankreich bereits geglaubt wird, die Attentate von Paris seien eine Inszenierung der Islam-Feinde, mag eine psychologische Abwehrhaltung sein. Aber die Bürger mit ordentlichem Beruf von der Pegida und anderen, die all das aberwitzige Zeug glauben, das im Netz an ihnen vorbeirauscht? "Das Internet hat sich zu einer gewaltigen Empörungsmaschine entwickelt, einer Gerüchteschleuder, zu einem Propagandavehikel für jede noch so obskure Theorie", schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. "Das Netz droht von einem Medium der Information zu einem Vehikel der Desinformation zu werden".

In der Wut gegen die westlichen Medien treffen sich "antiimperialistische" Linke wie völkische Rechte. Klar gibt es Medien, die lügen. Doch der Zorn der mit der Welt Unzufriedenen richtet sich ja vorrangig gegen die seriöse, die Qualitätspresse. Weil diese die Luft aus den Verschwörungstheorien herauslässt, die fiebrige Suche nach den "wahren Schuldigen" nicht mitmacht, die Fakten aufbereitet? Wohl deshalb. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 14.1.2015)

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