Je suis Herr Karl

Kommentar der anderen13. Jänner 2015, 17:23
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Zur falschen Zeit am falschen Ort? Von wegen

Wie viele Tausende andere war ich vor der französischen Botschaft und auf dem Ballhausplatz, um aller Opfer des jihadistischen Terrors in Paris zu gedenken. Das gute Motto der Kundgebung lautete "Gemeinsam gegen den Terror". Vorgebracht wurden durch wunderbare Schauspieler und Schauspielerinnen literarische Texte von großartigen Autoren, die indes nicht von den Attentaten, nicht vom Islamismus oder von der Meinungsfreiheit handelten.

Viele Erklärungen ...

Ich hörte der Erklärung der österreichischen Bundesregierung zu. Die Worte, die darin nicht vorkamen: Islamismus, Jihadismus, Antisemitismus, Jesiden, Kurden, Massenvergewaltigungen, Vertreibungen. Nicht einmal die Worte Charlie Hebdo, Karikaturen, Mohammed.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich war dort, und ich bin froh, wenn in der Erklärung von Meinungsfreiheit, von Menschenrechten, von Furchtlosigkeit die Rede war. Ich hätte mir nur mehr von dieser Freiheit und dieser Furchtlosigkeit in den Sätzen der österreichischen Bundesregierung gewünscht.

Ein Teil der Rede spricht von den Opfern: von Journalistinnen und Journalisten, von Polizistinnen und Polizisten und von "Bürgerinnen und Bürgern unterschiedlichster Konfessionen, die offenbar nur zum falschen Zeitpunkt an den Orten des Terrors waren".

... und die Juden?

Diese dritte Kategorie meint: Juden, Kunden eines koscheren Supermarktes. Sie zu benennen war wohl zu viel für die Regierung dieses Landes. Diese Menschen waren nicht zum falschen Zeitpunkt an einem Ort des Terrors. Sie waren vier jüdische Männer, die vor dem Schabbat für ihre Familien einkauften.

Einen davon sah eine Bekannte von mir noch am Mittwoch letzter Woche auf einem Flug von Tel Aviv nach Paris. Seine Frau schickte ihn schnell hinunter, um Challa zu kaufen. Er wurde getötet, weil sein Mörder antisemitisch war.

Ein anderes Motto

Das Motto der Erklärung der Bundesregierung war offenkundig nicht "Je suis Charlie", sondern, wie auf Facebook auch schon Davies Guttmann feststellte: "Je suis Herr Karl". (Doron Rabinovici, DER STANDARD, 14.1.2015)

Doron Rabinovici (Jahrgang 1961) lebt als Schriftsteller, Essayist und Historiker in Wien. Zuletzt erschienen: "Andernorts", Suhrkamp, 2010. Sein Vater, David Rabinovici, schaffte es 1944, aus Rumänien nach Palästina zu gelangen. Die Mutter, Schoschana, verbrachte die Kindheit in Wilna, überlebte Ghetto und Vernichtungslager und erreichte Israel in den Fünfzigerjahren.

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