Das Ich und die Wirklichkeit

13. Jänner 2015, 17:13
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Exhibitionismus oder künstlerische Selbstermächtigung? Die Salzburger Schau "Selbstauslöser" zeigt Selfies und Selbstporträts

Salzburg- Im Jahr 2013 hat Oxford Dictionaries "Selfie" zum Wort des Jahres gekürt. Keine zwei Jahre später geht vielen der Hype um die Smartphone-Selbstporträts bereits gehörig auf den Geist. Dabei sind Selfies keine Novität, wenngleich künstlerischen Fotos mittels Selbst- oder Verschlussauslöser tiefere Bedeutungen eingeschrieben sind als dem grassierenden digitalen Narzissmus in den sogenannten sozialen Medien. In den 80 Arbeiten, die derzeit im Salzburger Museum der Moderne auf dem Mönchsberg zu sehen sind, steht weniger hemmungslos-zwanghafte Selbstdarstellung denn Selbststilisierung im Mittelpunkt.

Selbstauslöser heißt die mit Werken aus der österreichischen Fotosammlung des Bundes gespeiste Schau. Letzten Sommer war die Ausstellung (etwa mit Valie Export, Friedl Kubelka, Francesca Woodman) in kleinerer Form unter dem Titel Self-Timer Stories im Österreichischen Kulturforum in New York zu sehen; für Salzburg hat Kuratorin Felicitas Thun-Hohenstein sie erweitert, etwa durch Arbeiten von Bernadette Anzengruber, Heidi Harsieber, Barbara Kapusta, Sasha Pirker und Toni Schmale.

Selfies und Selbstporträts mögen Ähnlichkeiten aufweisen, in einigen Punkten gibt es aber markante Unterschiede. Selbstporträts sind Akte künstlerischer Selbstermächtigung, bei denen die Akteure mittels Blicks in die Kamera einerseits Distanz zu sich selbst schaffen, andererseits dient der Blick ins Objektiv einer Überprüfung des Selbst. Dabei werden Fragen der Körperpolitik, des Feminismus, von Identität und Maskerade verhandelt.

Von der ebenso intimen wie exhibitionistischen Fokussierung haben sich jüngere Künstler etwas abgewandt, um eher gesellschaftliche Rollenbilder zu hinterfragen. Laurel Nakadate hat sich ein Jahr lang täglich beim Weinen fotografiert und bricht so ironisch das idealisierende Abbild der Selfie-Generation. Radikaler Roberta Lima, die in RNA Chips And Butterflies mittels Teleskopinjektionsnadel gleich direkt das eigene Blut fotografiert hat. (Gerhard Dorfi, DER STANDARD, 14.1.2015)

Selbstauslöser Salzburg, MdM Mönchsberg, bis 15. März

  • Selfies beziehungsweise Selbstporträts sind keine Disziplin der Smartphone-Ära. Das zeigt die Schau "Selbstauslöser" im Salzburger Museum der Moderne auf dem Mönchsberg auf. Hier Hans Weigands "Disco Boys" (1977).
    foto: hans weigand, fotosammlung des bundes

    Selfies beziehungsweise Selbstporträts sind keine Disziplin der Smartphone-Ära. Das zeigt die Schau "Selbstauslöser" im Salzburger Museum der Moderne auf dem Mönchsberg auf. Hier Hans Weigands "Disco Boys" (1977).

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