Einblick in die neue Ausgabe von "Charlie Hebdo"

Am Mittwoch erschien die 1.178. Nummer der Satirezeitschrift, härter als mit dem Propheten Mohammed geht sie mit Jihadisten ins Gericht. Eine Doppelseite aus der "Ausgabe der Überlebenden"

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14. Jänner 2015, 12:38

Am Mittwoch erschien die neue Ausgabe der französischen Satirezeitschaft "Charlie Hebdo". Das Titelbild zeigt eine Zeichnung des Propheten Mohammed, der trauernd ein Schild mit der Aufschrift "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie) in Händen hält. Darüber: "Tout est pardonné" (Alles ist vergeben). Auf den weiteren der insgesamt acht Seiten finden sich Cartoons, in denen auch Vertreter anderer Religionen karikiert werden.

Härter als mit dem Propheten Mohammed geht "Charlie Hebdo" mit Jihadisten ins Gericht. "Wo sind die 70 Jungfrauen?", fragt einer bei der Ankunft im Paradies. "Beim Charlie-Team", ist die Antwort. Daneben finden sich Würdigungen der umgekommenen und verletzten Zeichner und Kolumnisten im Heft. Der antiklerikale Charakter bleibt: "Mehr Leute am 11. Jänner als in der Messe", heißt es bezogen auf die Sonntagskundgebung.

Die "Ausgabe der Überlebenden", wie sie die Kollegen selbst nennen, ist ein Signal: "Charlie Hebdo" lässt sich trotz des Attentats auf die Redaktion, bei dem zwölf Menschen umgebracht wurden, nicht einschüchtern. Obwohl vier Zeichner unter den Ermordeten sind, hat das Magazin Angebote anderer Karikaturisten auszuhelfen abgelehnt.

Die "Charlie Hebdo"-Kollegen haben entschieden, über das Global Editors Network (GEN) Vorabdrucke an je ein Medium in einem Land und GEN-Board-Members zu vergeben. DER STANDARD will mit dieser Publikation (inklusive Übersetzung ins Deutsche) ein Zeichen für Meinungs- und Pressefreiheit setzen.

Die Doppelseite aus der Mitte der neuen Ausgabe (Copyright: Charlie Hebdo 2015. International Coordination: Global Editors Network):

Diese Karikaturen von "Charlie Hebdo" erschienen auch in der Printausgabe des STANDARD vom 14. Jänner.

Die Cartoons von "Charlie Hebdo" sind auch in einer größeren Auflösung verfügbar.

Übersetzungen der Karikaturen

1. Erste Bilanz der Tage danach

Plus:

Bild 1: "Alle zusammen" - "Ich bin Charlie".

Bild 2: Philippe Katerine, der euch am nächsten Tag Gras mitbringt.

Bild 3: "Ich liebe dich, mein Liebster! Du bist am Leben! (Wir lieben dich! Wir lieben dich! Wuff!)

Bild 4: Madonna unterstützt "Charlie" - "... und ich werf' ihnen mein Unterhöschen zu".

Bild 5: Man kann bei der Libération rauchen.

Bild 6: Der französische Staat spuckt eine Million für Charlie aus. Google startet eine Abo-Aktion! ("Ich auch! Ich auch!")

Minus:

Bild 1: "Allons enfants de la patriiiee! (Die französische Nationalhymne wird gesungen, Anm.).

Bild 2: Manuel Valls die Hand schütteln (französischer Premierminister, Anm.).

Bild 3: Fahnen auf Halbmast, Libido auf Halbmast - "Das wird schon wieder, my love!"

Bild 4: Angela Merkel auch - "Ich habe nie (die) Hosen an"

Bild 5: "Lungenkrebs, Bande von Trotteln" - "Pardon, Charb".

2. Beginn des Umzugs

Links oben: Man sieht Kumpel wieder, die man seit einer halben Ewigkeit nicht gesehen hat: "Ich fühle mit euch, meine Freunde" - Danke, Renaud, dass du hier bist! - Sogar mit Fischerhut hat Robert Badinter Klasse.

Links unten: Die Fotografen bereiten sich auf den Beschuss vor. - Wir umarmen die Familie von Franky, dem Polizisten, der Charb unter Einsatz seines Lebens beschützt hat.

Mitte oben: "Wir sind Charlie" - Hinter uns die Journalistengewerkschaften.

Mitte: Wir bemerken die Busse, in denen die Staatschefs zusammengepfercht sind: Netanjahu (dessen psychorigide Quälgeist-Visage Charb zu zeichnen liebte) und Merkel (deren liberale Politik Onkel Bernard demontierte) sind drin.

Rechts oben: Die Männer und Frauen der französischen Politik formen ihre Gruppe hinter uns. Borloo wirkt wie von Tignous hingekritzelt, und Jospin ist starr, als ob er in einer Zeichnung Honorés steckengeblieben wäre.

Rechts unten: Wir hatten das Gefühl, dass jeder Einzelne von ihnen einer alten Ausgabe von Charlie Hebdo entstammt. Man hatte sie einfach ausgewechselt gegen eine kleine, von Wolinski gezeichnete Figur.

Text unten: Es wäre schön gewesen, wenn Mustapha unter uns gewesen wäre, um diese Absurdität mit Rotstift zu korrigieren, und Elsa, um uns zu überzeugen, dass wir uns nur in einem schlechten Lacan'schen Traum befanden. Wir sind trotzdem marschiert, marschiert, solange wir konnten ... und dann sahen wir euch, die Anonymen, die Leser, die Treuen, die Untreuen, die Gelegenheitsleser und die Stammleser, die Abonnenten, die Kioskinhaber, die Enttäuschten, die Genervten, wir sahen Dutzende von euch, dann Hunderte, dann Tausende und Millionen, und plötzlich sang in unseren Köpfen ein von Cabu skizzierter Trenet (französischer Sänger, Anm.).

3. Mehr Menschen für Charlie als in der Messe

Links oben: Die Gegendemo der Le-Penisten: "Wir sind bei uns daheim" - "Ich bin erfreut" - "Ich bin rassistisch" - "Ich bin Charlie Martel" (Anspielung auf Karl Martell und seinen Sieg gegen die Mauren in der Schlacht von Poitiers im Jahr 732 n. Chr., Anm.)

Mitte: "Paris ist Charlie" (Schriftzug am Arc de Triomphe im Gedenken an die Attentate, Anm.) - Flamme: "Ich habe einen Ständer!"

Rechts unten: Eine Familie von Clowns dezimiert (die "Charlie Hebdo"-Redaktion, Anm.), zehn neue Clowns gefunden (französische Politiker, Anm.)

4. Behaltet die Ruhe und lasst Charlie weitermachen

Bild 1: 7. Jänner in London: Tausende nahmen ihre Stifte mit zum Trafalgar Square.

Bild 2: Stille unter dem "blauen Hahn" - "Ich bin Charlie".

Bild 3: Ein Angeber ist immer dabei.

Bild 4: Flagge der kurdischen Schutzeinheit - "Die Kurden werden dich nie vergessen" - "Ich möchte nur darauf hinweisen, dass dies eine friedliche Veranstaltung ist" - "Ja, es geht darum, dass alle Menschen zusammenstehen" - "Ich bin Charlie".

Bild 5: "Ich bin Charlie" - "Ich bin Charlie".

Bild 6: Dieser Typ ist mehr als drei Stunden lang allein gestanden.

foto: epa/yoan valat
Präsentation des neuen Hefts in Paris.

Das Making of

Schreie, Lachen, dann Applaus. So reagierten die "Charlie"-Macher auf die neueste Titelseite des Wochenblatts, als Luz sie ihnen präsentierte. Der Zeichner und Überlebende des Terroranschlags vom 7. Jänner, mit vollem Namen Renald Luzier, 42-jährig und an einem 7. Jänner auf die Welt gekommen, fand vielleicht die beste aller Lösungen: eine nachsichtige Karikatur, fern jeder Aggressivität, auch wenn ein klarer Standpunkt markiert wird. Ohne Mohammed-Karikatur ging es nicht nach alldem, was in den letzten Tagen in Paris und weit darüber hinaus passiert ist. Keine Hau-drauf-Satire, die Zeichnung hat auch nichts Schlüpfriges, sie will sogar versöhnlich sein, und natürlich schwingt auch die tiefe Trauer mit, mit der die Humoristen vom Dienst in ihrem neuen Leben und in ihren neuen Redaktionsräumen umgehen müssen.

Wie begeistert die "Charlie"-Macher die Titelseite aufgenommen haben, berichtet ein Journalist der linken Zeitung "Libération", bei der "les Charlies" Unterschlupf gefunden haben, nachdem ihre Büros im 11. Stadtbezirk von den Gewehrsalven zerwüstet worden sind. Der "Libé"-Redakteur hat als einer von wenigen Zugang zu den "Charlie"-Leuten. "Kein Journalist", steht in roten Lettern an der Tür zur improvisierten Redaktion. Davor tummeln sich eine Menge von ihnen, aus aller Herren Ländern. Sie hatten schon genug Mühe, in das scharf bewachte Gebäude nahe der Place de la République zu gelangen. Und natürlich wollen alle wissen, was am Mittwoch im Blatt stehe. Doch das ist vertraulich. Nur die Titelseite wurde vorab publiziert, wohl um etwas Spannung wegzunehmen.

Information zur Bestellung von "Charlie Hebdo": charliehebdo.fr.

Viele andere Karikaturisten, unter ihnen der bekannteste Franzose - Plantu von "Le Monde" -, hatten ihre Kooperation angeboten. Die rund zwanzig überlebenden Charlie-Satiriker lehnten ab. Ihre neue Nummer soll so "normal" sein wie möglich, angesichts der tragischen und hochdramatischen Umstände. Der mitwirkende Kolumnist Antonio Fischetti umschreibt die Stimmung in der Redaktion mit einer "Mischung von Emotion und Arbeit".

Wenn sich die Türe öffnet, dringen Rauchschwaden nach außen. Die Spontis haben sich auch in ihrer alten Redaktion nie an das gesetzliche Rauchverbot in offenen Räumen gehalten. Und jetzt drückt auch "Libération" beide Augen zu: Die Charlies stehen schon zu sehr unter Spannung, als dass man ihnen auch noch "la clope" (Glimmstängel) verbieten will.

Zum nahenden Redaktionsschluss kommt auch die emotionale Spannung, das Bewusstsein, im globalen Rampenlicht zu stehen, nicht zuletzt bei schießwütigen Islamisten. Und dann die Traurigkeit. Der Humorist Guy Bedos erklärte am Dienstag, er habe einen Nachmittag lang um seine ermordeten Freunde geweint. Und die "Charlie"-Macher, die den Opfern noch viel näher waren und standen? Sie mussten nun Scherze und Pointen suchen und ihre Trauer herunterschlucken - bis zum Redaktionsschluss, wenn die neueste, die wichtigste Ausgabe in die Druckerei ging.

copyright : charlie hebdo 2015. international coordination: global editors network
Das Cover der ersten Ausgabe nach dem Anschlag: "Alles ist vergeben."

Noch einmal werden darin bekannte, eigentlich nicht von "Charlie Hebdo" wegzudenkende Namen wie Charb, Cabu oder Wolinski unter einzelnen Karikaturen stehen - obwohl deren Autoren nicht mehr am Leben sind.

"Ça va, er zittert immer weniger"

Laurent Sourisseau alias Riss hat seinerseits eine Zeichnung beigesteuert, trotz seiner Schussverletzung an der rechten Schulter. "Ça va, er zittert immer weniger", meinte eine Redaktionsstimme, als sie die letzte Riss-Karikatur aus dem Krankenhaus erhielt. In der vorhergehenden, der 1.177. Nummer, die schon gedruckt war, als der Anschlag erfolgte, hatte Riss noch frech gewitzelt: Auf einer Illustration zu einem kritischen Bericht über den Air-Asia-Absturz fragt die Stewardess den Piloten der gerade ins Meer stürzenden Maschine: "Wollen Sie Fisch oder Hähnchen, Kommandant?" Der Angesprochene erwidert: "Ich glaube, diesmal wird es für alle Fisch geben."

Solche oft unverschämten, teils geschmacklosen Zeichnungen sind nicht nach jedermanns Geschmack. 50.000 verkaufte Zeitschriften pro Wochen, das war für französische Verhältnisse nicht gerade eine Großauflage. Von der Nummer 1.178 werden drei Millionen Exemplare gedruckt. "Charlie" kaufen ist jetzt ein Bürgerakt, ein politischer Standpunkt. Und dann will sich Charlie auch selber auf die Schippe nehmen, um die nicht nur gegenüber anderen unverfroren zu sein.

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Die Redaktion von "Charlie Hebdo" zur neuen Ausgabe.

Noch am vergangenen Wochenende war eine Auflage von einer Million geplant gewesen. Doch wenn allein schon alle Teilnehmer der sonntäglichen Monsterkundgebungen eine Ausgabe kaufen würden, läge der Bedarf bei nahezu vier Millionen. Und auch ins Ausland werden zahllose Exemplare gehen.

Dabei wollen viele Blätter rund um den Planeten einige Seiten oder die ganze Ausgabe als Beilage drucken. Aus allen Weltgegenden trafen zudem Geldspenden ein. Das französische Kulturministerium gab 300.000 Euro, Air France wird die Ausgabe unentgeltlich in die ganze Welt hinaustragen. Und mit ihr die "Charlie"-Botschaft, die deren Anwalt Richard Malka mit einem ganz kurzen Satz zusammenfasst: "Wir geben nicht nach." (Alexandra Föderl-Schmid, Stefan Brändle, derStandard.at, 14.1.2015)