Kosmetik-Verkaufsparty verliert Ruch des Verbotenen

13. Jänner 2015, 05:30
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Novelle in der Gewerbeordnung soll Direktvertrieb erleichtern – Kritik der Konsumentenschützer

Wien – Bei Sekt und Brötchen verkauft sich vieles besser. Vor allem in heimeliger Atmosphäre im Bekannten- und Freundeskreis. Die Österreicher holen jährlich 17.000 selbstständige Berater mit Gewerbeschein und etliche tausend ohne entsprechende Berechtigung in ihre Wohnzimmer. Buntes Plastikgeschirr wechselt da ebenso die Besitzer wie Dessous, Duftkerzen, Modeschmuck, Pflegemittel, Vitaminpräparate und Putzlappen. In Zukunft darf dies hierzulande vermehrt auf legalem Weg passieren.

Direktvermarkter machen zwar einträgliche Geschäfte und lassen sich auch vom boomenden Internet nicht beschneiden. Allein das Gewerberecht wies die Branche in Österreich bisher zumindest theoretisch in die Schranken. Es reduziert nämlich die Palette an Waren, die hierzulande zwischen Tür und Angel vertrieben werden dürfen. Grabsteine, Waffen, Gift und Phytotechnik etwa sind von Gesetzes her absolute No-Gos für private Verkaufspartys. Kosmetika stehen ebenso auf der schwarzen Liste – was sich mit dem EU-Recht aber nur schwer vereinbaren lässt.

Mahnung aus Brüssel

Schon einmal hat Österreich in dieser Causa ein Mahnschreiben aus Brüssel erhalten. Um der drohenden Verurteilung durch den Europäischen Gerichtshof zuvorzukommen, hat Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner nun eine Novelle der Gewerbeordnung in Begutachtung geschickt. Demnach soll "das Aufsuchen Privater zum Zwecke des Sammelns von Bestellungen auf kosmetische Artikel" bald doch erlaubt sein.

Nur Österreich und Luxemburg hätten dies bisher so restriktiv gehandhabt, erzählt Erwin Stuprich, Obmann des Direktvertriebs in der Wirtschaftskammer. "Das entspricht nicht mehr unserer Zeit, war ein Hemmschuh und weit entfernt von der Praxis." Der Kunde müsse nicht mehr vor unlauteren, schädlichen Produkten geschützt werden, sagt auch Markus Weber, Chef des Händlers Reinzeit.

Schmuck und Nahrung

Das Schicksal der Kosmetik teilte lange auch der Silberschmuck: Erst Warnsignale der EU machten ihn für die Branche legal direkt verkaufbar. Nahrungsergänzungsmittel dürfen in Österreich nach wie vor nicht in privaten Kreisen an Kunden gebracht werden. Für Stuprich ist das der nächste Fall, den sich Brüssel vorknüpfen müsse. In Österreich brauche halt alles seine Zeit, "in den nächsten 20 Jahren werden wir das schon hinbekommen", sagt er und seufzt.

Abgehalten hat die hiesige Gewerbeordnung zahlreiche Direktvermarkter freilich schon bisher nicht von Geschäften mit Kosmetika und Nahrungsergänzungsmitteln. Entsprechende Verkaufspartys sind landauf, landab gang und gäbe. "Aber wo kein Kläger, da ist kein Richter", sagt Ulrike Wolf, Juristin beim Verein für Konsumenteninformation. Anzeigen bei der Gewerbebehörde seien sehr selten - auch wenn manch launige Warenpräsentation hinterher für Katerstimmung sorgt. Wolf sieht die geplante Gesetzesnovelle kritisch: "Es kann nicht im Sinne der Verbraucher sein, wenn ihr Schutz weiter eingeschränkt wird."

Schwarze Schafe

Probleme mit dem Direktvertrieb gibt es aus Wolfs Sicht – anders als Stuprichs Erfahrung nach – genügend. Für Konflikte sorgten vor allem die Rücktrittsrechte, viele Kunden müssten den Gerichtsweg beschreiten, wollten sie ihr Geld zurück. Die Arbeiterkammer warnt aber auch Berater vor dem naiven Glauben an lukrative Verdienstmöglichkeiten. Von attraktiven Jobs mit freier Zeiteinteilung, fairen Provisionen und großen Aufstiegschancen ist bei vielen Direktvermarktern die Rede. Tatsächlich gerate man leicht in eine Spirale der Abhängigkeit und müsse laut VKI, um an Kunden zu kommen, den eigenen Freundes- und Bekanntenkreis ausbeuten.

50 bis 60 Direktvermarkter sind in Österreich aktiv, die Umsätze sind nur von wenigen erfasst. Europaweit stiegen sie von 2010 bis 2013 von 15 auf gut 24 Milliarden Euro, erhob die World Federation Direct Selling Association. Stuprich rät Kunden, Berater stets nach der Golden Card – ihrer Gewerbeberechtigung – zu fragen. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 13.1.2015)

  • Im trauten Heim sitzt die Geldbörse oft lockerer als im Geschäft.
    ap

    Im trauten Heim sitzt die Geldbörse oft lockerer als im Geschäft.

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