Rettungsgasse sucht Zeitersparnis

12. Jänner 2015, 18:05
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Bis zu vier Minuten Zeitersparnis soll die Rettungsgasse bringen. Vor Einführung des Gesetzes wurde auf Erfahrungen aus Deutschland verwiesen. Dort weiß man aber nichts von dieser Zeitersparnis

Wien - Rund 4,6 Millionen Euro hat das Projekt Rettungsgasse gekostet. Der überwiegende Großteil wurde für eine Informationskampagne, Inserate und PR-Maßnahmen verwendet. Die Millionenkampagne hielt die Asfinag für nötig, um den Autofahrern in Österreich die Rettungsgasse zu erklären.

Eingeführt wurde sie 2012 unter Verkehrsministerin Doris Bures (SPÖ). Rettungskräfte wie das Rote Kreuz oder die Feuerwehren hatten zuvor jahrelang darum gekämpft. Sie argumentierten, dass die Zufahrt zu Unglücksorten auf Straßen durch die breite Rettungsgasse schneller möglich sei. In einem Konzeptpapier der Asfinag vom November 2010 heißt es, eine Rettungsgasse würde - im Vergleich mit einer Zufahrt auf dem Pannenstreifen - einen Zeitgewinn von bis zu vier Minuten bedeuten. Dies würden Erfahrungen aus Deutschland zeigen.

Seit 1982 in Deutschland

Laut Kurier stammt die angebliche Zeitersparnis von bis zu vier Minuten vom Österreichischen Roten Kreuz. Dort verweist Kommandant Gerry Foitik auf "Einschätzungen von und Gespräche mit deutschen Kollegen". In Deutschland gilt die Rettungsgasse bereits seit 1982.

Auch die Asfinag bestätigt am Montag, dass der Wert der Zeitersparnis ein "Ergebnis von Berechnungen auf Basis von Erfahrungen des Deutschen Roten Kreuzes" ist.

Eine Studie wurde vor Einführung der Rettungsgasse in Österreich aber nicht durchgeführt. Auch möglicherweise vorhandene valide Daten aus Deutschland wurden nicht angefordert. Das erfuhr der STANDARD aus dem Verkehrsministerium.

Laut Foitik vom Roten Kreuz sei es schwierig, bei der Rettungsgasse zu "handfesten Daten zu kommen. Man kann nur mit Einschätzungen arbeiten." Die Rettungsgasse werde jedenfalls gut angenommen.

Zeitgewinn subjektiv feststellbar

Zwei Drittel der Einsatzkräfte würden berichten, dass die Situation "besser als vorher" sei - sprich: ein Zeitgewinn bei Zufahrten subjektiv feststellbar sei.

DER STANDARD fragte beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) nach. Dort weiß man aber nichts von einer möglichen Zeitersparnis von bis zu vier Minuten für deutsche Rettungskräfte, auf deren Erfahrungswerte sich das Österreichische Rote Kreuz, die Asfinag und das Verkehrsministerium berufen. Lapidar heißt es vom DRK nur: "Von dieser 'Zeitersparnis' ist hier nichts bekannt."

Auch über deutsche Studien zu einer möglichen Zeitersparnis für Rettungskräfte seit Einführung der Rettungsgasse sei beim DRK "nichts bekannt". Stimmen die Angaben des DRK, hat sich das offizielle Hauptargument der Einführung der Rettungsgasse in Österreich in Luft aufgelöst.

Rüge des Rechnungshofes

Der Rechnungshof hatte erst im November 2014 festgestellt, dass "keine Zeitersparnis bei der Zufahrt zum Einsatzort" nachgewiesen werden konnte. Dafür kritisierte er etwa, dass das Rettungsgassen-Logo einer Agentur um 90.000 Euro abgekauft wurde. Verlangt hatte diese zuvor 25.000 Euro. Der Anteil der Agenturleistungen an den Gesamtkosten des Millionen-Projekts sei verglichen mit anderen Projekten des Ministeriums sehr hoch gewesen.

Kritiker wie die Grünen-Politikerin Gabriela Moser sehen als Mitgrund für die Einführung der Rettungsgasse die Verteilung von üppigen Geldern für Werbekampagnen, PR und Inserate. Diese waren laut dem Konzeptpapier der Asfinag von 2010 schon geplant worden, bevor das Gesetz beschlossen wurde. (David Krutzler, DER STANDARD, 13.1.2015)

  • Vom Nutzen der Rettungsgasse sind Rettungsdienste in Österreich nach wie vor überzeugt. Das Hauptargument der Einführung, nämlich Zeitersparnis, lässt sich aber durch Zahlen nicht beweisen.
    foto: christian fischer

    Vom Nutzen der Rettungsgasse sind Rettungsdienste in Österreich nach wie vor überzeugt. Das Hauptargument der Einführung, nämlich Zeitersparnis, lässt sich aber durch Zahlen nicht beweisen.

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