Die Meister der falschen Worte

Kommentar12. Jänner 2015, 17:52
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Alles relativ: Die regierenden türkischen Konservativen und "Charlie Hebdo"

Er war ganz vorn dabei, der Vierte in der Reihe neben Angela Merkel und François Hollande beim Marsch in Paris am Sonntagnachmittag. Doch in Wahrheit liegen in diesen Tagen wieder Welten zwischen dem türkischen Premierminister und den Führern Europas. Ankara redet viel und mit Nachdruck, doch die richtigen Worte findet die türkische Führung nach dem Terroranschlag auf "Charlie Hebdo" und auf den jüdischen Supermarkt in Paris nicht.

Die konservativ-islamische Regierung von Ahmet Davutoglu, dem Statthalter des Staatschefs Tayyip Erdogan, relativiert die Anschläge, erklärt sie auf ihre Weise, ruft ihre Bürger und die Muslime Europas zur Wachsamkeit auf vor "Machenschaften", wie sich Davutoglu ausdrückte, die hinter den brutalen Terrorakten von Paris stünden oder die nun auf sie folgten. Aber es kommt noch schlimmer.

Von einem erwachsenen Menschen, einem Parlamentsabgeordneten einer Regierungspartei zumal, darf man sich eine gewisse Ernsthaftigkeit erwarten. Dennoch entblödete sich ein Abgeordneter der Partei Davutoglus nicht, den Anschlag auf das französische Satiremagazin als mögliche Inszenierung abzutun: War zur Tatzeit nicht auffällig wenig Verkehr auf den Pariser Straßen? Und ist nicht sonderbar, dass man auf einem Video den Attentäter sieht, wie er mit dem Gewehr im Anschlag auf Ahmed Merabet zugeht, den auf dem Boden liegenden Polizisten, nicht aber den Schuss in den Kopf, der dann angeblich folgt? Allein ist Ali Sahin, der Regierungspolitiker, mit seinen Verschwörungsideen keinesfalls.

Zerplatzte Schädel kann man in türkischen Medien zeigen, ein Kuss in einem Fernsehfilm dagegen zieht mittlerweile Geldstrafen nach sich. Irgendwo hier beginnt auch die Erklärung, warum die Regierenden in der Türkei und ihr konservatives Wahlvolk einen islamistischen Terroranschlag keinen islamistischen Terroranschlag nennen können; warum der Gebrauchsislam in der einlullenden, antiintellektuellen Shopping-Mall-Kultur der Türkei und aller anderen muslimischen Länder, die sie zum Vorbild nehmen mögen, keine Fragen über die Religion und die finsteren Ecken des Terrorismus mag.

Der Islam sei eine Religion des Friedens, wiederholen sie nun wie nach jedem anderen islamistischen Terrorakt der vergangenen Jahre. Terrorismus habe keine Nationalität und keine Religion, ließ Erdogan nach dem Anschlag in Paris erklären, so, als ob ein Terrorakt eben etwas Abstraktes sei, eine verdammenswerte Tat, losgelöst von Zeit und Ort.

Eine Vielzahl türkischer Liberaler meint, dass solche Bekundungen nicht mehr reichen; dass vor allem eine konservativ-islamische Partei, die seit mehr als zwölf Jahren regiert und Modell ist für muslimische Politiker und Wähler in anderen Ländern, etwas mehr sagen muss.

Einfach ist das nicht. Die Gläubigen sind im Zwiespalt: "Warum sollten wir uns für die Terrortaten von Fanatikern entschuldigen?", fragen sie zu Recht. "Wie kann es sein, dass im Namen des Islam immer wieder Terrorakte verübt werden"?, lautet aber die andere Frage.

Zumindest die Liberalen in der Türkei stellen sie nun. Aber sie sind eine Minderheit. Die Regierung hat schon auf Abwehr umgestellt und prangert Fremdenhass und Islamophobie in Europa als Ursache wie Folge der Anschläge in Paris an. Für Erdogan und Davutoglu ist der Islam am Ende auch das: ein Instrument zum Machterhalt. (Markus Bernath, DER STANDARD, 13.1.2015)

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