Der Schlaf der Innovation gebiert Ungeheuer

12. Jänner 2015, 17:48
5 Postings

Einst Held der amerikanischen Malerei der Sechzigerjahre: Jasper Johns' müdes Spätwerk im Belvedere

Wien - "Dinge, die der Verstand schon kennt", so umschrieb Jasper Johns einmal das Material, das er zur Kunst werden ließ. Das Motiv der US-Flagge und seiner Stars und Stripes, die bei Johns erstmals 1954 ins Bild fanden und seinen Ruhm als Schlüsselfigur der amerikanischen Kunst der 1960er-Jahre begründeten, habe ihn entlastet: Sie war schon da, habe nicht erst entworfen werden müssen. "Ich interessiere mich für Dinge, die Dinge nahelegen, statt für Urteile über Dinge", sagte er an anderer Stelle. Bei den alltäglichen - trivialeren? - Dingen sei dies wohl am einfachsten.

Bei der metaphorisch derart reich aufgeladenen Nationalflagge musste er auch gar nicht mehr viel sagen; die Bedeutung könne - verwies Johns gern auf die Eigenständigkeit der Betrachter - von denen entdeckt werden, die danach suchen. Die aufgeworfene Frage war vielmehr eine Variation der Magritte'schen Apfelfrage: Ist es eine Flagge oder ein Gemälde? Zweidimensionales Design und Abbild waren deckungsgleich geworden.

Vor diesem Hintergrund läge es nahe, Johns neueste, nun im Oberen Belvedere präsentierte Werkserie Regrets auch als eine das Medium befragende zu interpretieren. Auch dieses Motiv musste er nicht entwerfen, nicht komponieren, sondern finden. Er eignete sich also ein Bild aus dem riesigen Fundus bestehender Bilder an: Im Juni 2012 hatte Johns in einem Auktionskatalog ein von John Deakin geschossenes Foto von Lucian Freud entdeckt, das Francis Bacon als Vorlage für ein Gemälde nutzte: der große Maler auf dem Bett sitzend, den Kopf nachdenklich in der Hand vergraben. Eine malträtierte, zigfach gefaltete, mit Farbspuren und Knicken übersäte Aufnahme, von der ganze Stücke abgerissen sind.

Johns war fasziniert von dieser verschlissenen, zerknitterten Fotografie und machte die Aufnahme, die Bacon lediglich als Arbeitsgrundlage gedient hatte, zum Motiv für experimentelle und abstrahierende Variationen in verschiedenen Techniken: in Öl, Aquarell, Tusche, Bleistift, auf Kupfer gedruckt und gespiegelt wie beim Rorschachtest, sodass etwa über der sich zum klaffenden Loch ausgeweiteten Leerstelle ein Totenkopf erkennbar wird. Das Sujet hat Johns in ein Wirrwarr grauer und/oder farbiger Flächen aufgelöst; die realistischen Bezüge sind nur unter Zuhilfenahme der Originalquelle zu entschlüsseln. Der ästhetische Reiz seiner Variationen erschließt sich nicht; in ihrer Uneindeutigkeit ist die Serie mehr Suche als Experiment. Man fragt sich, ob Johns selbst wusste, worauf er eigentlich hinaus will.

Ist es manipulativ zu erwähnen, dass Johns in ebendiesem Jahr - also 2012 - erfuhr, dass sein langjähriger Assistent unfertige Gemälde aus dem Atelier entwendet und veräußert hatte? Aber auch Johns selbst nährt mit Notizen die interpretative und narrative Ebene von Regrets; er verweist etwa mit der handschriftlichen Bemerkung "Goya? Bats? Dreams?" auf Francisco Goyas berühmte Grafik Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Wie geht man mit einem alten Helden der amerikanischen Malerei um, dessen Ausstellung zuvor vom New Yorker MoMA geadelt und von der New York Times hochgelobt wurde? Es war Alfred Barr, einflussreicher erster MoMA-Direktor gewesen, der 1958 höchstpersönlich in Johns erster Einzelausstellung bei niemand Geringerem als Galerist Leo Castelli, die Bilder des damals 28-Jährigen für das Museum ausgesucht hatte. Die Karriere von Johns war besiegelt. Seine Gemälde erzielen Rekordpreise - 36 Millionen Dollar brachte 2014 etwa eines seiner Flaggenbilder ein. Kein altes, sondern eine 1983 datierte Wiederholung des Sujets.

Jenseits des Kunstmarkts hat man vom Mitbegründer der Pop Art, der es verstanden hatte, diese durch gestischen Duktus mit dem abstrakten Expressionismus und der Farbfeldmalerei zu verknüpfen, lange nichts mehr gehört. Fast möchte man ausrufen: Den gibt es noch! Was hat der all die Jahre gemacht? In den 1980ern beispielsweise konventionelle Allegorien gespickt mit Vanitas- und Natursymbolik. "Abgesang" hieß es daraufhin in einer der vielen herben Kritiken. Auch "fossilienhaft" und "dekorativ". Sein innovatives Potenzial wurde für tot erklärt.

Johns' Serie Regrets ist nun - wie es sich der heuer 85 werdende Künstler gewünscht hat - im barocken Kontext des Wiener Museums zu sehen. Statt prunkvoll wirken die zwei Säle jedoch traurig: Das Licht ist gelblich-staubig, das Rahmenglas spiegelt. Und Spannung entsteht zwischen dem historischen Interieur und der neuen Kunst auch keine. Stattdessen: nichts. Irgendwie deprimierend. Lieber Ausstellungsbesucher, I regret. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 13.1.2015, Langfassung)

Bis 26.4.

www.belvedere.at

Begleitet wird die Ausstellung von einem Screening im Blickle-Kino im 21er-Haus, in dessen Rahmen am 22. Jänner die beiden Filme "Jasper Johns: Ideas in Paint" und "Jasper Johns: Take an Object" gezeigt werden.

  • Jasper Johns arbeitet 2013 in seinem Atelier am Hauptbild der Serie "Regrets", das dem MoMA bereits als Schenkung zugesichert wurde.
    foto: john lund

    Jasper Johns arbeitet 2013 in seinem Atelier am Hauptbild der Serie "Regrets", das dem MoMA bereits als Schenkung zugesichert wurde.

Share if you care.