"Armutsbekämpfung wäre der Hebel"

Interview13. Jänner 2015, 12:42
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100 Jahre lang war die Cholera in Haiti ausgerottet. Seit dem Erdbeben ist sie wieder da. Dabei wäre sie einfach zu behandeln, sagt Wolfgang Martinek, Chef der Kinderhilfsorganisation NPH

Standard: In Haiti sind seit 2010 über 8000 Menschen an Cholera gestorben. Wie kam es dazu?

Martinek: Das Erdbeben hat die sanitären Einrichtungen im Land fast völlig zerstört. Eine Kanalisation gab es schon davor nur in Ansätzen, in den Slums von Port-au-Prince praktisch gar nicht. Das Wasser fließt in Gräben neben den Straßen. Ein halbes Jahr nach dem Erdbeben tobte außerdem ein schwerer Hurrikan über Haiti, der dann in den Bergen festhing und abregnete. Man konnte praktisch zusehen, wie Gräben übergingen. Das mit Bakterien und Keimen kontaminierte Wasser überschwemmte die Straßen und verunreinigte die anderen Gräben. So konnte sich Cholera verbreiten.

Standard: Was ist das Gefährliche an dieser Erkrankung?

Martinek: Als im Herbst 2010 die ersten Krankheitsfälle auftauchten, wussten die Menschen nicht, was ihnen fehlt. Die Symptome sind zunächst unspezifisch, man erbricht sich und bekommt Durchfall. Wird das drei oder vier Tage lang nicht behandelt, ist man so dehydriert, dass man stirbt. Die Inkubationszeit ist sehr kurz, ein paar Stunden können entscheidend sein. Die Menschen in Haiti werden viel zu oft nicht rechtzeitig behandelt.

Standard: Woran scheitert die Bekämpfung noch? Cholera ließe sich ja relativ leicht und kostengünstig heilen.

Martinek: Es gibt da diesen Spruch von der Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Wir würden uns immer für Cholera entscheiden, weil sie mit Infusionen gut zu behandeln ist. Nach zwei Tagen steht man auf, nach drei Tagen geht man nach Hause. Man kann sich bis zu einem gewissen Grad impfen lassen. Wenn die Bedingungen passen. Genau das ist in Haiti leider nicht der Fall.

Standard: Wo müsste man ansetzen?

Martinek: Bei der wirtschaftlichen Situation. Armutsbekämpfung wäre der Hebel. Haben Menschen Arbeit und Geld, verbessert sich ihre Wohn- und Ernährungssituation. In Haiti ist Kinderarbeit allgegenwärtig. Hätten die Eltern Arbeit, müssten die Kinder nicht arbeiten und könnten in die Schule gehen. Sie würden dann lernen, wie man die Symptome von Cholera, Tuberkulose und Dengue-Fieber erkennt.

Standard: Wie könnte die Aufklärung der Bevölkerung gelingen?

Martinek: Sie müsste jedenfalls früher ansetzen. Man darf nicht warten, bis die Menschen mit der Erkrankung zum Arzt oder zu einer Hilfseinrichtung wie unserer kommen. Wir erklären den Menschen in Haiti seit Jahren, dass sie schnell reagieren und ins Cholera-Zentrum kommen müssen, sobald sie Symptome bemerken. Denn wenn die Aufklärung sinkt, werden die Menschen sorgloser. Das wissen wir von HIV/Aids, auch in Österreich. (Lisa Mayr, DER STANDARD, 13.1.2015)

Zur Person:

Wolfgang Martinek ist Geschäftsführer von NPH Österreich (Nuestros Pequeños Hermanos). Die spendenfinanzierte NGO kümmert sich um verwaiste und kranke Kinder in Lateinamerika.

Link:

NPH Österreich

  • Wolfgang Martinek von NPH Österreich kennt Haiti - und er weiß und die Folgen der Cholera gerade für Kinder.
    foto: nph österreich

    Wolfgang Martinek von NPH Österreich kennt Haiti - und er weiß und die Folgen der Cholera gerade für Kinder.

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