Schweres Erdbeben in Haiti: Politische Krise und neue Slums

13. Jänner 2015, 05:30
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Das Land steht noch immer vor enormen Problemen. Gewaltkriminalität und hohe Mieten in den Slums überschatten den Wiederaufbau. Selbst die Uno-Mission könnte bald enden

Zeltplanen werden zusammengerollt, und mittlerweile klaffen in der Zeltstadt Icare im Zentrum von Port-au-Prince einige Lücken. Fünf Jahre nach dem verheerenden Erdbeben, bei dem 250.000 Menschen starben und 1,5 Millionen obdachlos wurden, herrscht Aufbruchstimmung. Vor ein paar Monaten schickte die Internationale Organisation für Migration (IOM) eine Vorhut, um den auf einem Fußballplatz gedrängt lebenden Familien eine Alternative anzubieten. Sie gehören zu den letzten 85.000, die noch immer in Zelten hausen. 27.000 Gourdes (rund 500 Euro) bekommt jede Familie, die freiwillig das Lager räumt.

"Hoffentlich bin ich auch bald dran", sagt die vierfache Mutter Samantha Jean-Pierre. Die Menschen in Icare haben Glück im Unglück. Andernorts hetzten Grundstückseigner bewaffnete Paramilitärs oder die Polizei auf die Zeltbewohner. 60.000 wurden so vertrieben, schätzt Amnesty International. Laut Gesetz ist das legal.

3,3 von den angekündigten zehn Milliarden Euro Hilfe kamen inzwischen ins Land. Doch 90 Prozent liefen einer UN-Studie zufolge an der haitianischen Regierung vorbei, etwas mehr als die Hälfte floss in die Bürokratie: Personal, Fahrzeuge, Import von Materialien, Miete und Verwaltung der Katastrophenhelfer.

Innenpolitische Krise

Ist der Wiederaufbau gescheitert? "Das kommt auf die Perspektive an", sagt Michel Briand, der Pfarrer, der für Icare und den angrenzenden Stadtteil Fort National zuständig ist. Denn was inzwischen wieder steht, sind Ministerien - finanziert von befreundeten Staaten wie Taiwan und Venezuela - und Luxushotels, die von privaten Investoren errichtet wurden und mit UN- und Hilfspersonal gute Geschäfte machen. Plätze wurden verschönert, in den Tourismus und die Fertigungsindustrie wurde investiert und neue Arbeitsplätze geschaffen, wenngleich zu wenige und zu prekäre.

Die Regierung des Präsidenten Michel Martelly baute Schulen - es gehen 88 Prozent der Kinder zur Schule - und modernisierte Krankenhäuser, bevor sie in innenpolitischen Querelen aufgerieben wurde. Das Land steckte bis Montag in einer Sackgasse. Der Präsident und die Opposition konnten sich auf überfällige Neuwahlen einigen, bevor das Parlament nicht mehr beschlussfähig ist. Bis Ende des Jahres soll gewählt werden.

Uno könnte gehen

Wenig geändert hat sich für die Opfer. Die meisten Hilfsorganisationen haben das Land verlassen, und ihre Behausungen zimmern sich die Haitianer selbst. So wie in Fort National. Schon vor dem Beben war der völlig verbaute Hügel ein Slum ohne Infrastruktur, heute ist er ebenso chaotisch und unhygienisch wiederaufgebaut. Nur die Mieten sind gestiegen, wie Jean-Pierre sagt. "Es ist unrealistisch, in einem Land mit enormem Nachholbedarf wie Haiti Wunder zu erwarten", sagt Sophie de Caen vom UN-Entwicklungsprogramm.

Seit 1990 lösen sich UN-Missionen mit unterschiedlichen Mandaten in dem Land ab. Seither ist de Caen zufolge der Analphabetismus um 41 Prozent und die Kindersterblichkeit um 44 Prozent gesunken. Doch die Probleme sind noch immer enorm, von der Gewaltkriminalität über den Umweltkollaps der völlig entwaldeten Halbinsel bis zum Exodus der gebildeten Mittelschicht. Lange wird die UNO vermutlich nicht mehr bleiben. Die wichtigsten Geberstaaten werden ungeduldig. "2010 hatten wir noch 840 Millionen Euro zur Verfügung, im vergangenen Jahr nur noch 54 Millionen" , sagt Caen. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 13.1.2015)

Chronologie: Das Beben und die Folgen

Am Abend des 12. Jänner 2010 beginnt in Haiti, die Erde zu beben. Das Epizentrum liegt 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince.

Rund 220.000 Menschen sterben, jeder fünfte Haitianer wird obdachlos. Heute leben 80 Prozent der Bevölkerung in Armut, die Hälfte leidet Hunger.

40 Prozent sind seither arbeitslos, nur jeder Zweite kann lesen und schreiben. Die Mehrheit der Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Wasser und medizinischer Versorgung.

Leichtes Spiel für Cholera: Neun Monate nach dem Beben bricht eine Epidemie aus, es kommt zum sanitären Notstand. Bislang sind mehr als 600.000 Menschen erkrankt und rund 8000 gestorben. Im März 2014 verklagen 1500 Haitianer die Vereinten Nationen, weil sie deren Friedenssoldaten für den Cholera-Ausbruch verantwortlich machen. (lima)

  • Im Jahr 2010 erschütterte ein schweres Erdbeben das Land und tötete etwa 250.000 Menschen. Die Trümmer sind vielerorts beseitigt, die Probleme sind geblieben.
    foto: ap / esteban felix

    Im Jahr 2010 erschütterte ein schweres Erdbeben das Land und tötete etwa 250.000 Menschen. Die Trümmer sind vielerorts beseitigt, die Probleme sind geblieben.

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