Israel bereitet sich auf Zuzug aus Frankreich vor

12. Jänner 2015, 17:12
88 Postings

Netanjahu warb in Paris um Einwanderer - Spannungen mit Hollande

"Ich bin erschreckt durch das, was sich ständig in Paris abspielt, ich habe Angst um meine Familie und meine Freunde", liest Olivier, der vor einigen Jahren aus Frankreich nach Israel eingewandert ist, aufgeregt im israelischen Fernsehen aus einer SMS vor, die ein Bekannter aus Paris geschickt hat. Und er fügt hinzu: "So etwas habe ich bisher noch nie bekommen."

Eben erst beim letzten Jahreswechsel war vermerkt worden, dass die Einwanderungszahl der französischen Juden sich auf fast 7000 verdoppelt hatte - 2014 war somit in Israels Geschichte das erste Jahr, in dem Frankreich jenes Land war, aus dem die meisten jüdischen Einwanderer eingetroffen sind. Weil im koscheren Supermarkt bei der Porte de Vincennes wieder französische Juden Ziel eines Terroranschlags waren, fühlt Israel sich einerseits besonders betroffen und bereitet sich andererseits auf eine noch größere Einwanderungswelle vor.

Opfer wollte auswandern

Alle vier jüdischen Männer, die in dem Supermarkt erschossen wurden, werden auf Wunsch der Familien nach Israel überführt und heute, Dienstag, in Jerusalem begraben. Einer von ihnen, Yoav Hattab (21), soll erst eine Woche zuvor von einer Israel-Tour zurückgekehrt sein und die Einwanderung geplant haben. Wohnungsvermittler berichten von einer Zunahme der Anfragen aus Frankreich, Behörden wollen den ohnehin gut aufgestellten Aufnahmeapparat verstärken.

"Sie kommen aus verschiedenen Gründen", sagte Einwanderungsministerin Sofa Landver, "wegen der Antisemitismuswelle, wegen der Wirtschaftslage, aber auch, weil wir viel tun, um sie aufzunehmen."

Eklat um Einladungspolitik

Etwas schief angeschaut, nicht nur in Frankreich, sondern auch in Israel, wurde Premier Benjamin Netanjahu, weil er in einer ersten Stellungnahme zu den Massakern beinahe so geklungen hatte, als würde er die Juden zur Flucht aus Frankreich aufrufen: "Der Staat Israel ist auch euer Heim", wandte sich der Premier an "alle französischen Juden und alle europäischen Juden." Später änderte er seine Formulierungen so, dass sie mehr wie eine Einladung wirkten: "Jeder Jude und jede Jüdin, die nach Israel einwandern wollen, werden von uns mit offenen Armen empfangen werden", sagte er in einer Pariser Synagoge, wo er und Frankreichs Präsident François Hollande trotz des düsteren Anlasses umjubelt wurden.

Vorausgegangen war laut israelischen Medien eine "peinliche politische Saga", weil die französische Führung versucht habe, Netanjahu abzuwimmeln. Der Élysée-Palast soll befürchtet haben, dass bei gleichzeitiger Präsenz von Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas der Nahostkonflikt oder der israelische Wahlkampf in die Solidaritätskundgebung hineinspielen würden.

Netanjahu ging zunächst auf den Wunsch der Franzosen ein und blies seine Teilnahme wegen "Sicherheitsproblemen" ab. Weil aber die rechtsgerichteten Minister Avigdor Lieberman und Naftali Bennett nach Paris flogen, überlegte es sich der Premier dann doch wieder und marschierte später in der ersten Reihe mit. (Ben Segenreich aus Tel Aviv, DER STANDARD, 13.1.2015)

  • "Ich bin ein französischer Jude": Schilder wie dieses waren auch bei der Demo in Paris zu sehen. Dennoch überlegen viele, auszuwandern. Foto: Reuters / Ronen Zvulun
    foto: reuters/zvulun

    "Ich bin ein französischer Jude": Schilder wie dieses waren auch bei der Demo in Paris zu sehen. Dennoch überlegen viele, auszuwandern. Foto: Reuters / Ronen Zvulun

Share if you care.