Nicht über Gott sprechen, nicht für ihn töten

Kommentar der anderen12. Jänner 2015, 17:11
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Im Namen Allahs Politik betreiben? Für ihn Terror rechtfertigen? Theologie hat nichts verloren bei der Erklärung von Verbrechen wie jenen von Paris. Denn der Rückgriff auf Gott ist so unpolitisch wie uneuropäisch

Eine der schmerzhaftesten Folgeerscheinungen unserer gegenwärtigen Weltlage ist, dass religiöse Argumente die politische Debatte bestimmen. Angesichts der Anschläge von Paris multiplizieren sich täglich die Stimmen, die einerseits das Problem in einem ihnen vage vorschwebenden "Islam" verorten, während andere nicht müde werden zu berichtigen, dass Mord und Totschlag keine fix eingebauten Strukturen des wahren Islams seien. Sächsische Demonstrationszüge tun so, als wäre ihr Feind tatsächlich der Islam (was immer das heißen mag), und Vertreter der Muslime in Österreich verkünden, dass man das Problem des Terrorismus auch "theologisch" ernst nehmen müsste. Beide Lager liegen auf eklatante Weise falsch.

Gerade die Attentäter von Paris zeigen auf paradigmatische Weise, wie die Wörter "Islam" und "Gott" nichts als leere Leucht-Vokabeln sind, die an keinen frommen Habitus rückgekoppelt sind, sondern vielmehr einfach zur Rechtfertigung extremen Handelns dienen. Die verworrenen Ansichten der Attentäter werden im Rückgriff auf bedeutungsschwere Worte ("Gott", "heilig", etc.) nur kaschiert. Sie vertreten auch keine klar umrissene religiöse Körperschaft, sondern integrieren sich höchstens vage in ein echt postmodernes Netz aus Anspielungen, Erleuchtungen, Enttäuschungen, Machismus und Videobotschaften, das in Ermangelung einer besseren Handhabe unter dem Gruppennamen "Al-Kaida" oder "IS" zusammengefasst wird.

Nichts zu deuteln

"Theologisch" gibt es da nichts herumzudeuteln. Wie es allerdings überhaupt theologisch nichts zu sagen gibt, wenn Personen im Namen Allahs Politik betreiben. Im Rückgriff auf Gott Politik zu betreiben, wie gemäßigt oder radikal auch immer, ist in jedem Fall eine im strengen Wortsinn unpolitische Verfahrensweise. Politik bedeutet in der langen europäischen Tradition des Wortes die praktische Übereinkunft von Menschen auf Basis der Vernunft. Die Vernunft als einzige tatsächlich zwischenmenschliche Verbindlichkeit fungiert spätestens seit Aristoteles als ideale Plattform der Begegnung verschiedenster Individuen.

Wollen ein Christ, ein Muslim und ein Agnostiker eine Brücke über die Donau bauen, so schweigen sie sich über ihre jeweiligen metaphysischen Ansichten aus und einigen sich auf die handfesten, weil vernünftigen Gesetze der Statik und Schwerkraft. Donald Tusk aus dem katholischen Polen verhandelt im Europarat ohne Rückgriff auf das Matthäusevangelium, die brave Christdemokratin Angela Merkel beschließt Griechenlandhilfen, ohne bei Luther nachzufragen, und Benjamin Netanjahu regiert ganz ohne Verweis auf das Buch Mose.

Europäisch geprägte Politik braucht seit langem keine göttlichen Nachschlagewerke mehr, um ihre alltäglichen Streitereien voranzutreiben - sie besinnt sich auf ihre demokratisch herbeigeführten Beschlüsse und die daraus resultierenden Gesetze.

Von daher sollte uns überhaupt nicht kümmern, was der Prophet oder Jesus Christus oder Buddha zu den Taten der Gebrüder Kouachi gesagt haben mochten, denn fest steht, dass das Leid der Angehörigen unermesslich bleibt und die richtige politische Antwort auf derartiges Handeln zwischen uns einfachen Menschen ohne Rückgriff auf heilige Texte tagtäglich neu gefunden werden muss. Mehr noch, jede diskursive Verbindung zwischen den Terroristen und der Theologie schreibt die Aushöhlung oder Entwertung europäischer Vorstellungen von Politik auf maliziöse Weise fort.

Wenn wir in den Gebrüdern Kouachi keine Bürger, sondern Muslime sehen, begeben wir uns automatisch auf unpolitisches Terrain. Denn selbst wenn sie aus frommsten Glaubensgrundsätzen heraus gehandelt hätten, müsste unsere politische, d. h. gesellschaftliche Replik immer wieder nur ihren fatalen Bruch mit unserer Rechtsstaatlichkeit unterstreichen. Bei aller Anstrengung kann das (zutiefst europäische) Wortungetüm Theo-logie nicht verbergen, dass "Theos" (gr. Gott) keinen "Logos" (gr. Sprache) besitzt. Es gehört zu den wichtigsten Erfahrungen europäischer Spiritualität und Geisteshaltung, dass man über Gott schlechterdings nichts sagen kann. Und folgerichtig kann niemand in seinem Namen sprechen oder gar töten. (Dominik Barta, DER STANDARD, 13.1.2015)

Dominik Barta (32) hat Philosophie und Germanistik studiert. Derzeit ist er OeAD-Lektor in Warschau.

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