Es braucht mehr Ärzte nach dem A.R.Z.T.-Modell

Userkommentar13. Jänner 2015, 08:36
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Patienten wollen auch gehört werden: Ein Appell für mehr Kommunikation im Medizinbetrieb

Die "Götter in Weiß", wie sie so schön schwülstig genannt werden, haben mich von klein auf begleitet. Ich bin Gott sei Dank nicht ernsthaft krank. Es geht mir im Großen und Ganzen gut. Warum soll ich mich dann auch beschweren? Dafür gibt es Gründe, die allesamt mit dem Arztbesuch zusammenhängen.

Es fängt oft schon bei Ordinationsassistenten an, die den Drang haben, ihre Autorität unter Beweis stellen zu müssen und etwa kurzfristig keinen Termin geben, auch wenn man betont, dass man Schmerzen hat. Dann heißt es, dass man ins Spital fahren oder zu einem anderen Arzt gehen solle.

Mangelhafte Arzt-Patienten-Kommunikation

Nach der langen Wartezeit, wofür es ja durchaus auch plausible Gründe geben kann, gelangt der Patient zur Untersuchung, die gerade mal fünf Minuten dauert. Das heißt also, dass sich Patienten während der Wartezeit, wenn nicht sogar schon länger, Sorgen machen und womöglich Fragen oder Unklarheiten bestehen. Die sollen dann ernsthaft bei einer fünfminütigen Untersuchung geklärt werden? Das kann nicht sein.

Auch wenn Ärzte einen guten Ruf und hohes Prestige genießen, so können die meisten nicht kommunizieren. Oder anders gesagt: Sie sind keine Ärzte nach dem A.R.Z.T.-Modell von Universitätsprofessor Maximilian Gottschlich. Achtung, Reaktivität, Zuwendung und Transformation sind Ärzten oft fremd.

Symptome statt menschliche Wesen

Häufig besteht zwischen Ärzten und Patienten kein Vertrauen. Das ist aber entscheidend für die Genesung. Patienten werden einer Summe von Symptomen gleichgesetzt, statt sie als menschliches Individuum zu betrachten. Das Prinzip der Achtung verpflichtet die Ärzte zu einem sorgfältigeren Umgang mit der Wahrheit. Patienten wollen aber nicht nur geachtet, sondern auch gehört werden. Die Fähigkeit, Patienten spontan und intuitiv zu verstehen, indem man ihre Handlungsabsichten und Gefühle in sich selbst spürt, nennt man Reaktivität. Schließlich hat der Mensch das Bedürfnis, sich im Arzt und in seinen Reaktionen wieder erkennen zu können. Findet dieser Prozess nicht statt, kommt es laut dem A.R.Z.T.-Modell zur Ausgrenzung, die unter anderem durch medizinischen Fachjargon verstärkt wird.

Vertrauen für Genesung

Für das Vertrauen ist also nicht das rationale Urteil des Arztes, sondern die Zuneigung zum Patienten wichtig. Die Welt mit den Augen des Patienten zu betrachten, empathisch zu handeln und dabei keine Bedingungen zu stellen, zeigt von Zuwendung. Zudem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass jeden Patienten die Frage belastet, warum er denn krank ist. So ist es die Aufgabe des Arztes, für Krankheitserkenntnis und in Folge für Selbsterkenntnis des Patienten zu sorgen. Mit anderen Worten wird eine Transformation eingeleitet. Dieser Prozess gelingt jedoch nur dann, wenn Ärzte ihre Patienten achten, angemessen reagieren und dem Patienten Zuneigung schenken.

Ist dies nun der Fall bei einem fünfminütigen Arztbesuch oder ist der Arzt nach diesem Modell nur in Utopia zu finden? Erfährt man heutzutage noch eine Behandlung, bei der Achtung, Reaktivität, Zuwendung und Transformation stattfinden? Ich hoffe inständig, dass ich hiermit Ärzte darauf aufmerksam gemacht habe, was Patienten wirklich von ihnen erwarten. (Maral Abdollahi, derStandard.at, 13.1.2015)

Maral Abdollahi studiert Publizistik sowie Englisch und Spanisch in Wien.

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  • Patienten vermissen beim Arztbesuch Kommunikation.
    foto: standard/cremer

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