Fleischfressende Pflanze mag's auch vegetarisch

12. Jänner 2015, 16:13
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Wiener Forscher untersuchten, was Wasserschläuche so in ihren Fallen fangen - Tiere sind es nur in der Minderheit der Fälle

Wien - Wasserschläuche (Utricularia) sind weltweit verbreitete fleischfressende Pflanzen, von denen einige Arten auch in Mitteleuropa vorkommen. Sie fangen ihre Beute unter Wasser mit Hilfe raffinierter blasenförmiger Fangorgane: Diese öffnen sich bei Berührung, woraufhin starker Unterdruck Wasser samt kleiner Organismen in die Falle einströmen lässt. Nach kaum drei Millisekunden schließt sich die Blase wieder, und die Beute wird von einer eigens gebildeten Verdauungsflüssigkeit aufgelöst. Die im Fang enthaltenen Mineralstoffe ermöglichen es dem Wasserschlauch, auch extrem nährstoffarme Lebensräume zu besiedeln.

Allerdings genehmigen sich Wasserschläuche auch vegetarische Kost, wie man bereits aus früheren Untersuchungen weiß. Die Biologen Marianne Koller-Peroutka und Wolfram Adlassnig von der Uni Wien haben nun im Detail untersucht, wie hoch der Anteil pflanzlicher oder pflanzenähnlicher Nahrung (wie etwa Algen) ist. Ihre Analyse von 1.844 Fallen zeigte, dass nur knapp zehn Prozent der in den Blasen gefangenen Objekte Tiere waren. 50 Prozent waren Algen und 33 Prozent Pollen, berichten die Forscher im Fachjournal "Annals of Botany".

Wichtig: Eine ausgewogene Ernährung

Bei Pflanzen aus nährstoffarmen Gewässern wie Moorseen überwog der Algenanteil an der Beute besonders. Offensichtlich kann sich der Wasserschlauch aber seine Beute nicht aussuchen: Vielmehr wird alles gefangen, was klein genug ist, um durch die Blasenöffnung zu passen.

Dennoch konnten die Wissenschafter zeigen, dass die "Gemüsebeilage" nicht nur nutzloser Beifang ist. Utricularia-Pflanzen, die viele Algen und Pollen gefangen haben, werden länger, bilden mehr Biomasse aus und wirken generell kräftiger. Dafür erhöht der Fang von Tieren den Stickstoffgehalt der Pflanzen sowie die Bildung der Überdauerungsknospen, die für das Überleben im Winter entscheidend sind.

Den besten Allgemeinzustand wiesen die "Flexitarier" unter den Pflanzen auf, also jene mit einer ausgewogenen Ernährung, die sowohl Algen und Pollen als auch Tiere gefangen hatten. Die Forscher nehmen daher an, dass die Pflanzen manche Nährstoffe, etwa Stickstoff, vor allem aus Tieren, andere - wie Spurenelemente - hingegen bevorzugt aus Algen oder Pollen beziehen.

Selbstauslöser mit Zeitschaltung

Zudem konnten die Wissenschafter zeigen, dass der Saugmechanismus der Fallen nicht unbedingt durch die Bewegung eines Tieres ausgelöst werden muss. Vielmehr können die Fallen auch von selbst auslösen, wenn sie längere Zeit nicht gereizt werden.

Diese Fähigkeit scheint im natürlichen Lebensraum von entscheidender Bedeutung zu sein: Mehr als die Hälfte der Fallen enthielt nur unbewegliche oder sehr kleine Beuteobjekte wie Algen, Pollen, Bakterien oder Pilze, aber keine Tiere, die die Falle hätten auslösen können. Weil die Pflanze offensichtlich Organismen aller Art fangen und verwerten kann, kann sie auch Gewässer besiedeln, in denen Tiere selten sind. (APA/red, derStandard.at, 12. 1. 2015)

  • Ein Kleiner Wasserschlauch (Utricularia minor), wie er auch bei uns verbreitet ist. Darunter die Beute eines Südlichen Wasserschlauchs (Utricularia australis): ein Wasserfloh (A) und eine Zieralge (B).
    foto: kristian peters

    Ein Kleiner Wasserschlauch (Utricularia minor), wie er auch bei uns verbreitet ist. Darunter die Beute eines Südlichen Wasserschlauchs (Utricularia australis): ein Wasserfloh (A) und eine Zieralge (B).

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    foto: universität wien
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