"Werden mit Anschlägen in unserer Gesellschaft leben lernen müssen"

Interview12. Jänner 2015, 15:59
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Ein Generalverdacht gegen Muslime entspräche jenem dualen Weltbild, das islamistische Attentäter durchsetzen wollen, meint Psychologe Hoffmann

Psychologe Jens Hoffmann warnt davor, durch das mediale Hochstilisieren der Attentäter und die Verbreitung von Angst diesen in die Hände zu spielen: "Gerade in unseren freien Gesellschaften ist ein unaufgeregter Umgang möglich." Im Interview äußert sich Hoffmann zu den Charakterzügen von Attentätern, der Isolierung von islamistischen Häftlingen als kurzfristige Maßnahme der französischen Regierung und zur notwendigen Diskussion über radikale Strömungen innerhalb des Islams.

derStandard.at: Die Attentäter von Paris waren der Polizei bekannt, verhindern konnte sie die Anschläge trotzdem nicht. Welche Maßnahmen können denn realistischerweise überhaupt gesetzt werden, um potenzielle Täter unter Kontrolle zu halten?

Hoffmann: Die westlichen Demokratien befinden sich hier in einem Dilemma: Auch Leute, die ein bedrohliches Verhalten zeigen, besitzen Freiheitsrechte. Deswegen gibt es jetzt eine verstärkte Diskussion darüber, was denn nun Verhaltensindikatoren sind, die anzeigen, dass sich jemand in Richtung einer verstärkten Radikalisierung bewegt. Es ist zum Beispiel ein Vorteil, dass wir vieles davon auch in sozialen Netzwerken im Internet mitverfolgen können. Aber wir werden wahrscheinlich alle mit solchen Anschlägen in unseren Gesellschaften leben lernen müssen, um nicht zu einem Überwachungsstaat zu werden.

foto: apa/epa/laurent
Ein Polizist kontrolliert mit Spürhunden einen Gedenkort.

derStandard.at: Dennoch wurden auch jetzt schon verstärkte sicherheitspolitische Maßnahmen angekündigt. Steht die Freiheit jedes Einzelnen, die dadurch eingeschränkt wird, in einem Verhältnis zur Bedrohung?

Hoffmann: Eine gesellschaftliche Diskussion, so wie beispielsweise in den 70er-Jahren zu Zeiten des Linksradikalismus, über die Balance zwischen repressiven Maßnahmen und der Tatsache, dass man nie alles verhindern kann, muss richtigerweise immer geführt werden. Das Versprechen, wir könnten durch repressive Maßnahmen alles in den Griff kriegen, ist illusorisch. Es wurde andererseits schon viel verhindert. Es ist nicht so, dass die Sicherheitsorgane in Europa versagt hätten. Vieles passiert im Hintergrund, wovon wir nichts wissen.

derStandard.at: Die französische Regierung hat angekündigt, künftig islamistische Häftlinge zu isolieren. Eine vernünftige Maßnahme?

Hoffmann: Es hat sich herausgestellt – und das wissen wir auch schon von vorherigen Taten –, dass auch im Gefängnis Radikalisierungen stattgefunden haben. Es gibt Leute, die auffällig geworden sind, durch Gewalttätigkeit und aggressives Verhalten. In den Gefängnissen werden dann bei diesen gezielt Radikalisierungsprozesse angestoßen, das heißt, diese Leute bekommen dann für ihre Feindseligkeit und Gewalttätigkeit auch die dazu passende Ideologie, ein Ziel und eine Identität. Dieses Thema also anzugehen ist definitiv eine gute Idee.

derStandard.at: Braucht es für eine Radikalisierung überhaupt ein Gegenüber?

Hoffmann: Natürlich gibt es auch Formen der Selbstradikalisierung. Das hat man ja zum Beispiel beim Terroranschlag am Frankfurter Flughafen 2011 gesehen, bei dem zwei GIs ermordet wurden. Der Mann hat sich dort unabhängig von einer Terrororganisation über das Internet radikalisiert.

derStandard.at: Bekennervideos von Islamisten tauchen mit großer Regelmäßigkeit auf. Was bewirkt so eine "Gewöhnung" bei der Bevölkerung und bei Jugendlichen?

Hoffmann: Es gibt mehrere Ebenen. Wenn wir es weiter zulassen, dass junge, wütende Männer – manchmal auch Frauen – berühmt werden können, dadurch dass sie andere umbringen, macht das die Attentate auf eine furchtbare Art und Weise "sexy". Es wird suggeriert: Bringe viele Menschen um, wenn du in deinem Leben das Gefühl hast, gescheitert zu sein, dann wirst du berühmt! Das Ganze wird noch mit einer ideologischen Garnitur versehen, damit es gewissermaßen dann auch eine "gute" Handlung ist.

Den darauf folgenden Nachahmungseffekt kennen wir auch von Amokläufern an Schulen, die sich immer quasi auf ihre Vorgänger bezogen, die durch solche Videos in den Medien individualisiert und berühmt wurden.

Ich wäre stark dafür, in der Medienberichterstattung keine Namen zu nennen und die Bilder der Menschen nicht unverpixelt zu lassen. Sie sollen nicht berühmt werden dürfen. Das ist eine problematische Dynamik, die vor allem für jüngere Menschen sehr anziehend sein kann. Wir sind so weit gegangen, dass wir selbst in unseren Fachartikeln, die in Journals erscheinen, keine Nachnamen mehr nennen, weil der Effekt einfach so deutlich zu sehen ist.

derStandard.at: Was bewirkt das "Zusammenstehen" bei Solidaritätskundgebungen und die explizite Verteidigung von Menschenrechten, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit bei möglichen zukünftigen Attentätern?

Hoffmann: Es ist sicherlich ein positives Statement, denn die Täter wollen das Gegenteil erzielen: Sie wollen erreichen, dass Polizisten oder Menschen mit einem anderen Glauben Angst haben. Alles, wo wir uns gegen dieses Um-sich-Greifen von Angst aussprechen, ist gut. Es hat uns doch auch deutlich gemacht, wie wertvoll unsere Gesellschaften sind in ihrer Freiheitlichkeit: dass nämlich ein unaufgeregter Umgang sehr wohl möglich ist.

derStandard.at: Nach den Anschlägen wird nun vielerorts eine Differenzierung von Islam und Terror eingefordert. Kann eine Verbindung tatsächlich in Abrede gestellt werden?

Hoffmann: Die Attentäter von 9/11 und alle ihre Nachfolger wollten die westliche Welt und die arabisch-muslimische Welt voneinander trennen. Wenn wir darauf einsteigen und einen Generalverdacht gegen Muslime aussprechen, spielen wir gewissermaßen mit. Es ist nicht in Ordnung, jemanden, nur weil er muslimischen Glaubens ist, zu fragen: Wie verhältst du dich eigentlich dazu?

Ich glaube aber auch, dass Diskussionen darüber, welche radikalen Strömungen es im Islam gibt, die möglicherweise sogar schon zum Mainstream geworden sind – siehe Saudi-Arabien –, geführt werden müssen. Da darf es keine Denkverbote geben – egal, um welche Religion es geht. Wir müssen die Dinge offen und differenziert ansprechen, denn wenn wir sie im Dunkeln halten und schönreden, wird das zu noch mehr Islamophobie führen.

derStandard.at: Ist die Religion Ursache oder Schablone für die Attentäter?

Hoffmann: Es ist eine Schablone. Wir haben eine Studie mit radikalisierten Einzeltätern – egal ob rechtsextrem oder islamistisch motiviert – in Westeuropa gemacht: Es waren immer Menschen, die sich benachteiligt fühlen, die das Bedürfnis haben, etwas Besonderes zu sein. Diese Menschen nützen eine radikale Ideologie, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Deshalb finden wir auch immer die gleichen Charaktere und Biografien in verschiedensten historischen und ideologisch begründeten Kontexten. Wir haben eben jetzt vorwiegend das Angebot von radikalislamischen Bewegungen, die diesen gescheiterten, aggressiven und psychisch labilen Menschen Bedeutung geben und sie bekannt werden lassen.

derStandard.at: Das heißt, die Erklärung, dass es in Kriegsgebieten verständlicher wäre, zu einem Jihadisten zu werden, als in vergleichsweise geordneten Verhältnissen im Westen, gilt so nicht?

Hoffmann: Solche Kausalursachen gibt es nicht. Aber bei dem Typ Attentäter hier in Europa sehen wir individualpsychologische Auffälligkeiten. Es sind Leute, die an ihren eigenen Ansprüchen scheitern; die gewissermaßen ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen. Sicher ist aber auch, dass Gewalt in Kriegsgebieten noch mehr Gewalt und Terror provozieren kann. (Teresa Eder, derStandard.at, 12.1.2015)

foto: ipbm
Jens Hoffmann ist Psychologe und Leiter des Instituts Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt.
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