Charlie? Vor allem aber bin ich Mensch

Userkommentar14. Jänner 2015, 10:06
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Nach der Anschlagsserie von Frankreich warnt ein User davor, die Stimmung zu einem künstlichen Religionenkonflikt hochzuschaukeln

Ich bin nicht Charlie. Mein Name ist Kemal. Ich bin Moslem und Österreicher, Bosnier, Europäer und Weltbürger. Vor allem aber bin ich Mensch. Vielleicht stört diese Konstellation ja einige, für mich ist sie eine Selbstverständlichkeit. Ich verurteile den Angriff von Paris auf das Schärfste. Genauso, wie ich jeglichen Angriff auf Menschen in dieser Welt verurteile, egal unter welchem Vorwand dieser verübt wird. Den Familien der Opfer gehört mein Mitgefühl. Ich hoffe sehr, dass sie in dieser für sie dunkelsten Zeit Kraft und Hoffnung finden können.

Kein Zusammenhang

Ich distanziere mich aber in keinerlei Weise von diesem Angriff, denn ich sehe nicht im Geringsten einen Zusammenhang zwischen mir und den Individuen, die dieses Verbrechen begangen haben. Und ich sehe auch keinen Anlass, mich oder meinen Glauben, der alleine mir gehört, verteidigen zu müssen.

Verbrecher sind Individuen

Ich war auch nicht Utøya im Jahr 2011. Ich habe damals nicht das Bedürfnis gehabt, mich von dieser abscheulichen Tat zu distanzieren, oder hätte auch nur im Traum daran gedacht, von einem Vertreter des norwegischen Volkes oder der christlichen Glaubensgemeinschaft zu verlangen, dies zu tun. Verbrecher sind Individuen oder Gruppierungen von Menschen mit fehlgeleitetem Geist, die Recht und Unrecht nicht unterscheiden können – unabhängig von ihrer ethnischen, politischen, sexuellen oder religiösen Zugehörigkeit.

Freitagmorgen hat der Radiomoderator der meistgehörten Morgensendung des Landes verlautbart, dass es ihm bei dem Gedanken an den jüngsten Anschlag in Paris selbst sehr schwerfalle, nicht dem Hass auf den Islam nachzugeben. Gleich darauf wird die Meinung eines Zuhörers unreflektiert und unwidersprochen gesendet, in der dieser sinngemäß sagt, dass solche Anschläge kein Zufall seien, denn der Islam sei eine Religion, die als einzige solche Sachen akzeptiere, hervorbringe und sogar fördere.

Künstlicher Religionenkonflikt

Durch diese Aussagen, ob nun von Moderator oder Zuhörer, wird weiter dazu beigetragen, die Stimmung zu einem künstlichen Religionenkonflikt hochzuschaukeln. 99,9 Prozent der geschätzt 1,6 Milliarden Muslime weltweit denken nicht im Traum daran, jemanden aufgrund anderer religiöser Ansichten auch nur zu verurteilen. Auch nur ein Bruchteil der vielleicht 0,1 Prozent der ultrakonservativen muslimischen Weltbevölkerung ist wiederum gewaltbereit. Dennoch wird ständig vom "islamischen" Terrorismus gesprochen.

Hinter all diesen verbrecherischen Taten steht ein Geist, der nicht durch die religiöse Zugehörigkeit, sondern durch puren Wahnsinn geleitet wird. Hysterie und propagandagestützte Manipulation von Menschen tun ihr Übriges. Gegenseitige Anfeindungen führen dazu, dass die Spirale immer weiter vorangetrieben wird.

Gegen Schwarz-Weiß-Malerei

Es scheint, als würden wir als Gesellschaft mit unseren technischen Errungenschaften und der weltweiten Vernetzung immer dümmer und anfälliger für Manipulation. Unsere Konsumgier und die dadurch entstehende spirituelle Leere machen uns immer empfänglicher für leichte Kost und die Schwarz-Weiß-Malerei in Medien. Wachen wir doch endlich auf und fangen wir wieder an, unseren Verstand zu verwenden! (Kemal Smajic, derStandard.at, 14.1.2015)

Kemal Smajic (34), geboren in Bosnien-Herzegowina, ist Senior-IT-Projektmanager bei der Österreichischen Post AG. Er ist Mitbegründer und Präsident von "Futurebag – Eine Tasche für die Zukunft", einem Verein zur Förderung bedürftiger Kinder in Bosnien-Herzegowina.

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  • "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie): Banner in den Straßen von Paris.
    foto: apa/epa/etienne laurent

    "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie): Banner in den Straßen von Paris.

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