Die Leiden der Maturanten mit der Zentralmatura

Userkommentar12. Jänner 2015, 08:45
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Die Diskussion um die neue Reifeprüfung aus Sicht einer Schülerin: Kommt System vor Individualität?

Es wird viel darüber gesprochen, viel darüber geschrieben. Doch ist man nicht direkt davon betroffen, sind die Bedingungen unvorstellbar. Die Rede ist von der neuen Reifeprüfung, welche heuer zum ersten Mal von den Gymnasien Österreichs absolviert wird.

Arbeiten nach System oder mit Interesse?

Der Sinn und Zweck der Standardisierung der Matura ist es, dieselben Bedingungen im ganzen Land zu schaffen. Das mag fair klingen. Doch es hapert an der Umsetzung. Wie ist es möglich, alle Schulen, alle Lehrerinnen und Lehrer, alle Schülerinnen und Schüler gleichzusetzen?

Nehmen wir an, wir hätten zwei Schüler. Der eine ist sehr interessiert in Geisteswissenschaften, beherrscht fünf Sprachen fließend, ist musikalisch talentiert aber mathematisch unbegabt. Der andere hat mäßige Sprachkenntnisse, allerdings lernt er schnell Fakten und ist ein Ass in Mathe. Raten Sie, wer bessere Chancen bei der Zentralmatura hat. Es zählen nämlich nicht Begabungen, nur striktes, systematisches Arbeiten. Das mag den einen liegen, den anderen aber nimmt es vielleicht jede Chance auf ein Reifezeugnis.

Vorwissenschaftliche Arbeit – während der Schulzeit?

Ein Drittel der Matura besteht aus der Vorwissenschaftlichen Arbeit (VWA). Auch hier heißt es: Guter Gedanke, schlechte Umsetzung! Der Schriftsatz, bestehend aus 40.000 bis 60.000 Zeichen mit korrekter Quellenarbeit, Protokoll, wissenschaftlicher Schreibweise, etc. sollte bis Februar abgegeben werden. Bis dahin ist noch genügend Zeit? Neben zentralgegebenem Stoff, auf den die Lehrerinnen und Lehrer keinen Einfluss haben, Schularbeiten, Tests, Nachmittagsunterricht? Wohl kaum.

Es war einmal … Vorbereitung!

Es herrscht Zeitdruck. Dass die Lehrerinnen und Lehrer nicht wissen, wie sie zu viele Maturathemen mit zu wenigen Wochenstunden durchbekommen sollen, wird täglich deutlich. Der Stoff muss zuhause nachgemacht werden. Es kommt sogar vor, dass Lehrerinnen und Lehrer es als hoffnungslos abschreiben, dass man in ihrem Fach maturieren könne. Es herrscht Ungewissheit und Zweifel. Dazu kommt, dass auch die Vorbereitungsstunden für die mündliche Reifeprüfung um zwei Drittel gekürzt wurden. Gut vorbereitet zur Matura? Adieu!

Es bleibt die Möglichkeit, wirklich nur noch für die Schule zu leben. Uns Maturanten bleiben immerhin ja nur noch wenige Monate. Man könnte natürlich auf die Freizeit verzichten, diese kommt wieder. Doch für viele ist es schlicht und einfach nicht möglich, sich ausschließlich auf die Schule zu konzentrieren. Man nehme einen Schüler, dessen familiäre und finanzielle Lage schwierig ist. So ein Schüler muss nach der Schule den Haushalt machen, da unter Umständen der alleinerziehende Elternteil arbeitet. So ein Schüler muss vielleicht auch selbst arbeiten gehen.

Wir sind die Zukunft

Wer leidet am meisten darunter? Die Lehrerinnen und Lehrer, die dem System ausgeliefert sind? Die Eltern, die ihren Kindern dabei zusehen müssen, wie sie täglich unter enormem Druck stehen? Oder Schülerinnen und Schüler, deren Zukunft von den nächsten Monaten abhängt? Es sind die nächsten Generationen. Wenn wir weitergeben, was wir lernen, dass System vor Individualität geht, dann liegt das größte Problem in der Zukunft. Denn System hat mit Können, Wissen, Interesse und Leidenschaft nichts zu tun. (Sanja Nolic, derStandard.at, 12. Jänner 2015)

  • Ab heuer ist die neue Reifeprüfung, die sogenannte Zentralmatura, Pflicht an den AHS.
    foto: apa/herbert neubauer

    Ab heuer ist die neue Reifeprüfung, die sogenannte Zentralmatura, Pflicht an den AHS.

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