Virtuoses Können ohne Poesie: Die Spannung hält

11. Jänner 2015, 19:13
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Die Wiener Symphoniker und Wolfgang Rihm

Wien - Elegische, ausdrucksgeladene Melodien, mäandernd ineinander verflochten; klagender, trauervoller, beredter Gesang: Um das neueste Werk für Violine und Orchester von Wolfgang Rihm zu schildern, das als Auftragswerk für die Wiener Symphoniker entstanden ist, leisten gängige Beschreibungen ziemlich gute Dienste.

Der Titel des Werks, Gedicht des Malers (Poème du Peintre), setzt den Fokus auf künstlerischen Ausdruck selbst - und zwar in jener synästhetischen Weise, die in der guten alten Romantik wurzelt und dann um 1900 noch einmal neu aufgekocht wurde. Auch das ist signifikant: Rihm ist durch und durch Romantiker und Expressionist, setzt auf unmittelbaren Gefühlsausdruck.

Gegenwärtige Vergangenheit

Doch auch wenn er die Linien noch so kunstvoll miteinander verwebt und eine noch so große Sogwirkung schafft - der Eindruck, es handle sich um Musik, die eher in der Vergangenheit wurzelt als in der Gegenwart, ist nicht von der Hand zu weisen.

Packend war die Aufführung gleichwohl. Das lag sowohl am Solisten, dem französischen Violinisten Renaud Capuçon, der nichts weiter zu tun brauchte als romantische Kantabilität zu bieten und die nötige Spannung zu halten - ein Anspruch, den er ebenso souverän einlöste wie das Orchester mit seinem Chefdirigenten Philippe Jordan: Transparenz, Intensität, Klarheit und Klangschönheit, sie herrschten durch die Bank auf allen Ebenen.

Dasselbe galt auch für die beiden Rahmenstücke beim Sandwich-Konzert im Wiener Konzerthaus am Samstag: Licht und hell erstrahlte Franz Schuberts 5. Symphonie, behände und heiter. Und in aller Opulenz wurde schließlich Antonín Dvoráks 8. Symphonie vorgeführt. Beides geschah auf teilweise atemberaubend hohem Niveau.

Zweifellos ist Philippe Jordan ein exzellenter Könner, der die Kontrolle des Apparates buchstäblich im kleinen Finger hat. Dank der glänzend disponierten Wiener Symphoniker ist praktisch pures Gelingen festzustellen: Fast alle Nuancen, dynamischen Entwicklungen, Phrasierungen, Tempi stimmten einfach, Durchhörbarkeit und Präsenz hielten einander die Waage. Stimmig musiziert wurde aber dennoch nicht, sondern eher brillant präsentiert.

Perfekte Imitation

Während bei Franz Schubert, so bewusst seine Musik auch gestaltet erschien, die Poesie ebenso fehlte wie das seelenvoll Fragile, wirkten bei Antonín Dvorák etwa die folkloristischen Elemente blutleer und nur brillant - und leider ein wenig wie die perfekte Imitation von etwas, das einmal einen Sinn hatte, der aber heutzutage vom Hörer leider nicht einmal mehr geahnt werden kann. (Daniel Ender, DER STANDARD, 12.1.2015)

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