Nicht verstummen

Einserkastl11. Jänner 2015, 19:05
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Reflektierte, kritische Veräppelung ist Medizin, auch wenn diese vielleicht nicht schmeckt

Ironie ist jener Lackmustest, den jede offene Gesellschaft zu bestehen hat. Das freie Wort, und - noch schlimmer - das freie bissige Wort, ist etwas, das Diktaturen und Despoten aller Art fürchten wie sonst kaum etwas anderes. Nicht umsonst ist der Umgang einer Gesellschaft mit Ironie und schwarzem Humor richtungsweisend für ihre Entwicklung.

Wo freies Wort nicht garantiert ist, dort wandert es ab, aber es verstummt nicht. Nicht umsonst explodiert gerade im Untergrund der verdrängten Freiheit der politische Witz, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand weitererzählt. Das haben wir derzeit nicht nötig. Wir genießen das Privileg, öffentlich bissig und kritisch sein zu können. Das darf man sich keinesfalls nehmen lassen, auch wenn das nicht immer einfach ist. Wenn man aus Angst beginnt, fremdaufgezwungene Denkgrenzen einzuhalten, haben die, die sie aufziehen, schon ein Stück weit die innere Landkarte okkupiert. Was wird mit dem Einzelnen geschehen, wenn er sich vorauseilend selbst zu zensieren beginnt? Meinungsfreiheit ist eine der Säulen der Demokratie. Reflektierte, kritische Veräppelung ist Medizin, auch wenn diese vielleicht nicht schmeckt.

Der europaweite Aufschrei, der nach dem Anschlag auf die Freigeister von "Charlie Hebdo" ertönte, war notwendig. Notwendig war auch, dass muslimische Mitbürger mit einstimmten. Gedanken und Worte sind frei. Diese ihre Freiheit müssen wir alle verteidigen. (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 12.1.2015)

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