Italienischer Regisseur Francesco Rosi gestorben

11. Jänner 2015, 19:08
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Wurde als "Poet der Zivilcourage" bezeichnet

Wien - Italien galt lange als ein Land mit einem "tiefen Staat", ein Land also, in dem die Machtverhältnisse undurchsichtig sind, und die sichtbare Macht nicht immer diejenige ist, die tatsächlich das Heft in der Hand hat. Mit Blick auf das Kino hat das eine eigene Ironie, denn Italien ist auch das Land, das den Neorealismus hervorgebracht hat, also eine filmische Form, die darauf vertraut, dass das Wesentliche sichtbar gemacht werden kann. Für den Filmemacher Francesco Rosi war es von entscheidender Bedeutung, dass er genau mit dieser Spannung aufwuchs.

Bei Luchino Visconti lernte er während der Dreharbeiten zu La terra trema, wie man aus dokumentarischen Beobachtungen eine Erzählung baut. Und in seinen folgenden Lehrjahren in der italienischen Filmindustrie lernte er, wie man aus lückenhaftem Material plausible Synthesen zieht. So stellte schon sein Debütfilm La sfida (1958, deutscher Titel: Die Herausforderung) eine bemerkenswert souveräne Ausformung seines späteren Programms dar: Die Geschichte eines kleinen Zigarettenschmugglers, der in den Gemüsehandel einsteigt und damit die Camorra herausfordert, ermöglichte es ihm, sehr genau die sozialen Verhältnisse in seiner Geburtsstadt Neapel und deren landwirtschaftlichem Einzugsgebiet darzustellen.

Später wurde Rosi noch deutlicher mit seinem Interesse, das Erzählkino als eine höhere Form von Investigation zu nützen: "cine-inchieste" wurde dafür das Schlagwort, filmische Untersuchungen. Da gab es in Italien in der Ära der Konsolidierung nach dem Zweiten Weltkrieg eine Menge zu tun, denn die enorme Ungleichzeitigkeit des Landes ließen viel Raum für informelle Macht. Und der Süden, das Lebensthema von Francesco Rosi, zeichnete sich nun einmal auch dadurch aus, dass er sich der staatlichen Gewalt in vielerlei Hinsicht entzog.

Kunst als Gerichtsverfahren

Der Bandit Salvatore Giuliano war dafür eine positive Identifikationsfigur, der allerdings später auf die Seite der Reaktion geriet - eine kontroverse Figur, von der Rosi 1961 in seinem Film keine verbindliche Version einer Geschichte erzählte, sondern eine Collage von (auch politischen) Möglichkeiten. Giuliano als Held einer utopischen Linken in einem autonomen Sizilien, und Giuliano als Handlanger der Mafia, der von der Hand eines Verräters stirbt.

Francesco Rosi wurde 1922 geboren, das war das Jahr, in dem Italien faschistisch wurde. Er studierte Rechtswissenschaften, kam aber noch während des Studiums zum Kino und betrieb dann eben seine Kunst nach dem Ideal eines Gerichtsverfahrens, das Indizien zusammenträgt, das Urteil aber einer Vertretung des Volkes überlässt. Rosis Schöffen saßen im Publikum, er vertraute darauf, dass die Öffentlichkeit ihre Schlüsse ziehen würde. In Mani sulla città (Hände über der Stadt) beschäftigte er sich 1963 mit dem Immobilienboom, der Neapel während des Wirtschaftswunders nach dem Krieg mit billigen Wohnbauten überzog, wobei die Profiteure in der Stadtverwaltung saßen.

In den 1970er-Jahren, als Italien phasenweise beinahe unregierbar schien, fand Rosi noch einmal zu großer, komplexer Form: Il caso Mattei (1972), Lucky Luciano (1973) und Cadaveri eccellenti (1976, Die Macht hat ihren Preis, nach einem Roman von Leonardo Sciascia) entfalten die labyrinthischen Realitäten der italienischen Politik zwischen den großen Staatsfirmen (der Ölriese Eni), der Mafia und den Parteien, von denen in Cadaveri eccellenti ein Putsch geplant wird, der dann gar nicht ausgeführt werden muss, weil die Kontrolle über den Staat auch so gewährleistet ist.

1979 wandte Rosi sich mit Cristo si è fermato a Eboli (Christus kam nur bis Eboli) einem Klassiker von Carlo Levi aus dem Jahr 1937 zu: eine Erinnerung an das innere Exil während des Faschismus, in der Rosi sich ausnahmsweise stärker mit den subjektiven Aspekten der Beobachterrolle auseinandersetzte. 1997 drehte er mit John Turturro in der Rolle des KZ- Überlebenden Primo Levi seinen letzten Film La tregua (Die Atempause).

Man hat ihn als "Poeten der Zivilcourage" bezeichnet, und man möchte nicht wissen, wo Italien ohne seine und die von ihm inspirierten Filme heute stünde. Am vergangenen Samstag in Francesco Rosi im Alter von 92 Jahren in Rom gestorben. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 12.1.2015)

  • Francesco Rosi nützte das Erzählkino als eine höhere Form der Investigation. Der italienische Süden war sein Lebensthema.
    foto: epa/onorati

    Francesco Rosi nützte das Erzählkino als eine höhere Form der Investigation. Der italienische Süden war sein Lebensthema.

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