Wolken ziehen vorüber

11. Jänner 2015, 18:37
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Kindsmord im Plattenbau: Juliane Stadelmanns Stück "Noch ein Lied vom Tod" kommt bei der Uraufführung im Schauspielhaus Wien ohne Sozialkitsch aus. Leerstellen in Daniela Kranz' Regie bleiben

Wien - Im Plattenbau sind die Wände hellhörig, das Fernsehprogramm der Nachbarn dringt ins eigene Wohnzimmer. Doch wenn Kinder nebenan alleingelassen verhungern und verzweifelt an den Türen kratzen und schreien, dann hört das niemand. So ein realer Fall von Kindstötung liegt dem Stück von Juliane Stadelmann zugrunde. 1999 verdursteten in Frankfurt an der Oder zwei Kinder, nachdem sie von ihrer Mutter alleine in der Wohnung zurückgelassen worden waren. Keiner hat etwas bemerkt, zumindest nichts Auffälligeres als sonst.

Noch ein Lied vom Tod entstand im Rahmen des Autorenprojekts "stück/für/stück" am Wiener Schauspielhaus und wurde mit dem Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet. Stadelmann, 1985 im deutschen Salzwedel geboren, führt in ihrem Stück zwei Dinge zusammen: eine Justiz auf verlorenem Posten und eine verrohte Gesellschaft, die vieles als gegeben hinnimmt und sich nicht zu helfen weiß. Dafür hat sich das Western-Genre angeboten, der Stücktitel verweist auf Sergio Leones Spiel mir das Lied vom Tod.

Im Schauspielhaus, wo das Stück nun seine Uraufführung erlebte, beginnt ein Pulk an Ventilatoren in den "Wilden Westen" einer Plattenbau-Bar hineinzublasen. Die Ventilatoren surren, wenn sie eingeschaltet werden, und beschleunigen dann - ein schöner Trick - den vorbeiziehenden Wolkenhimmel auf der Leinwand. Rechts hinter dem Tresen steht ein Bilderbuchkaktus, ein Steppenläufer rollt über die Kante der Barschräge, jenes getrocknete Knäuel Bodenpflanzen, das in Westernfilmen der Wüstenwind vor sich her rollt.

Damit erreicht Regisseurin Daniela Kranz zu Beginn eine Atmosphäre nervöser Spannung. Wenn sie nachlässt, entstehen allerdings Leerstellen. Ein Kommissar mit Namen Udo (Florian von Manteuffel) betritt die Bar, weil er dem Kindsmord nachgehen möchte, und er stößt auf maulfaule Local Heros: Simon Zagermann als zu früh erwachsen gewordener Eigenbrötler, Steffen Höld als Wirt mit Faible für Makaken, Johanna Tomek als abgebrühte Bestatterin und Barbara Horvath, eine junge Frau im Reh-Pulli, die von der Verschönerung ihrer Umgebung träumt, ohne aber die Katastrophen überhaupt zu registrieren.

Der Schlaf holt die Figuren immer wieder ein. Er kann für vieles stehen: für Erschöpfung, für Desinteresse, für Lethargie, für den Tod. Die Autorin macht keine Schuldzuweisung, sondern zeichnet das Zustandsbild einer schwachen (geschwächten) Gesellschaft, die sich selbst nicht im Griff hat. Wie in so einer Umgebung Kinder wie Tackenförster (Martin Vischer) und Ottenzwerg (Gideon Maoz) aufwachsen, ist deutlich gemacht. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 12.1.2015)

Bis 17. 2.

  • Tackenförster (Martin Vischer, li.), Ottenzwerg (Gideon Maoz), zwei Buben aus dem Plattenbau, die sich zu Recht fürchten
    foto: alexi pelekanos

    Tackenförster (Martin Vischer, li.), Ottenzwerg (Gideon Maoz), zwei Buben aus dem Plattenbau, die sich zu Recht fürchten

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