Hafez: "Der Islam ist in Europa schon lange keine Religion mehr"

12. Jänner 2015, 05:30
2038 Postings

Der Islam werde von mehreren Seiten als Projektionsfläche gebraucht, sagt Politologe Farid Hafez – dass Pegida-Anhänger "besorgt" seien, bezweifelt er

STANDARD: Werden die Anschläge in Paris ein Zusammenrücken in der Gesellschaft zur Folge haben? Schließlich schossen hier Muslime auf einen Muslim, das Erklärungsmuster "Muslime gegen Christen" greift also nicht.

Farid Hafez: Das hätte man auch nach 9/11 sagen können – auch da waren Muslime Opfer. Ich glaube: Bei allem, was wir jetzt erleben, sind die Realitäten nicht ausschlaggebend. Sondern alles hängt davon ab, wie die Vorgänge von den politischen Akteuren verarbeitet und für ihre Zwecke verwendet werden: Marine Le Pen und H.-C. Strache werden sich bestätigt fühlen.

STANDARD: Zu Recht? Hat sich in Paris erfüllt, wovor die FPÖ lange gewarnt hat?

Hafez: Es geht hier gar nicht um den Islam. Der Islam ist vor allem eine Projektionsfläche geworden, er ist in Europa schon lange kein Religion mehr. In den 1980er-Jahren wurden soziale Auseinandersetzungen ethnisiert – es ging gegen Zuwanderer. Heute werden sie religionisiert. In Paris waren nicht nur die Mörder Muslime, sondern auch Ermordete und die Rettungskräfte, die den Verletzten das Leben retteten – aber am Ende bleiben in den Köpfen nur die Mörder übrig. Der Islam erklärt hier gar nichts.

STANDARD: In den letzten Wochen sind aber gerade im Feuilleton und in den Leitartikeln jene Erklärungen, wonach "der Islam" an sich bedrohlich sei, wieder en vogue. Woran liegt das?

Hafez: Ja, schon vor "Charlie Hebdo" hat es nur so gestaubt vor Artikeln, die zum Teil sehr stark islamophob geprägt waren. Für mich erklärt sich das aus einem Diskurs, der zurzeit die gesamte Gesellschaft umfasst: Die Gleichsetzung von Islam und Terror ist so stark eingeprägt, dass sie mittlerweile als unhinterfragte Wahrheit gilt. Darum wird "Charlie Hebdo" keinen Paradigmenwechsel herbeiführen. Vor "Charlie Hebdo" war es die Debatte über IS und Jihadismus. Wirklich neu ist da wenig.

STANDARD: Warum gibt es diese Faszination vieler nichtmuslimischer "Opinion-Leader", den Islam "erklären" zu wollen?

Hafez: Sartre sagte, der Antisemitismus sage mehr über den Antisemiten aus als über den Juden. Ähnlich ist es mit der Islamophobie. Die Islamophobie erklärt uns wenig darüber, was in der Welt und bei den Muslimen passiert – aber viel darüber, was in uns passiert. Nehmen wir zum Beispiel die Ansicht, wonach das Christentum die "aufgeklärte Religion" sei. Das ist erstens eine völlige Vereinfachung und zweitens historisch falsch. Die katholische Kirche hat sich bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil äußerst schwer getan mit der Demokratie. Man erklärt ja nicht nur die Muslime pauschal zu den Bösen, sondern gleichzeitig wäscht man sich selbst rein. Dazu kommt, dass die "Charlie Hebdo"-Geschichte ja etwas verdeckt, was in Österreich weniger bedeutsam ist, in Frankreich aber sehr dominant: die Geschichte der Kolonialisierung. Frankreich legitimiert ja auch Kriege, die es führt, mit islamophober Argumentation. Dazu kommen soziale Konflikte: Frankreich hat sieben Prozent Muslime, die stellen aber 60 Prozent der Gefängnispopulation.

STANDARD: Wo endet die berechtigte Kritik an Radikalisierungstendenzen im europäischen Islam, wo beginnt die Islamophobie? Wo ziehen Sie hier die Grenze?

Hafez: Die Islamophobie beginnt dort, wo wir aufhören, über den Einzelfall als Einzelfall zu sprechen. Niemand ist nach Breivik auf die Idee gekommen, die katholische Kirche verantwortlich zu machen oder von jenen katholischen Verbänden, in deren Umfeld er sich bewegt hat, zu verlangen, dass sie sich von ihm distanzieren. Niemand hat Henryk Broder und andere Mainstream-Journalisten, die Breivik öfters zitiert hat, diskreditiert. Im Gegenteil: Vier Tage nach den Ereignissen hat man begonnen, zu vermuten, dass Breivik in Wahrheit ein Anhänger Osama Bin Ladens sei. Das ist ein unheimliches Paradox. Ich denke: Wo Kritik notwendig ist, muss man sie anbringen. Aber was sagt uns "Charlie Hebdo" über die Muslime aus? Meine Erklärung für den Jihadismus ist, dass der Islam die politische Ideologie der Unterdrückten geworden ist. Wir gedenken heute "Charlie Hebdo", aber wer gedenkt der Drohnenopfer in Afghanistan? Diese Einseitigkeit unterfüttert die Motivation jener Unterprivilegierten, Ausgegrenzten, die dann zu politischen Ideologien wie dem Jihadismus greifen.

STANDARD: Befreit nicht eine solche Erklärung die Täter aus ihrer Verantwortung – à la "Sie konnten ja gar nicht anders"?

Hafez: Nein, das unterstreiche ich keinesfalls. Ich versuche es zu erklären. Ich kann auch Breivik zu erklären versuchen – das heißt nicht, dass ich seine Tat entschuldige. Wenn jemand über 30 Jahre alt ist, keine Familie, keinen Beruf, kein soziales Netz und keine Perspektive hat, liegen die Probleme anderswo. Ich glaube nicht, dass man das Phänomen Jihadismus komplett ausradieren kann – aber wenn man diesen Menschen eine Vision gibt, kann man es zumindest quantitativ einschränken.

STANDARD: Befürchten Sie nach den Anschlägen in Paris also eher ein Erstarken des Rassismus gegenüber Muslimen in Österreich?

Hafez: Wichtig ist, dass es Zeichen dagegen gibt. Wenn nach Anschlägen auf Moscheen in Schweden Menschen kommen und Herzen an die Wand malen. Wenn in Deutschland 30.000 Menschen gegen Pegida auf die Straßen gehen – dann sind das Zeichen.

STANDARD: Gleichzeitig gibt es ja die berechtigte Forderung, Kritik an einem antiliberalen Backlash im europäischen Islam nicht allein den Rechten zu überlassen.

Hafez: Ja, und das macht auch Sinn. Die Frage ist nur, was das konkret heißt. Wie viel Dissens erlaubt man in einer Gesellschaft? Österreich ist da in vielerlei Hinsicht speziell. Ich habe nicht das Gefühl, dass bei radikalen islamischen Bewegungen an Kritik gespart wird. Dazu kommt, dass die radikalislamischen Strömungen in Österreich marginalisiert sind – es gibt keine salafistischen Gruppen, die offensiv nach außen treten. Und schauen wir uns doch an, wen die FPÖ in Österreich kritisiert: Sie kritisiert die Islamische Glaubensgemeinschaft und meint, das wären Radikalinskis. Sie kritisiert ja nicht die radikalen Randgruppen. Um es auf den Punkt zu bringen: Natürlich ist es wichtig, dass man radikale Gruppen kritisiert. Aber nicht auf oberflächliche Weise – "die Islamische Föderation ist Milli Görüs, deshalb sind sie radikal, und alles ist vorbei" –, sondern man muss die Handlungen und Diskurse ganz konkret kritisieren. Und das müssen sich die islamischen Bewegungen dann auch gefallen lassen.

STANDARD: Im Zusammenhang mit Pegida heißt es oft: Das sind Sorgen, die muss man ernst nehmen. Teilen Sie diese Ansicht?

Hafez: Nein, auf keinen Fall. Was sind die "Sorgen", über die hier gesprochen wird? Was heißt "Islamisierung"? Vor hundert Jahren hieß es "die Verjudung", heute ist es die Islamisierung. Sagen Sie mir: Was sagt dieser Begriff über eine religiöse Minderheit, die in den meisten europäischen Ländern, aber besonders in Frankreich, Deutschland und Österreich, marginalisiert und unterprivilegiert ist? Wovor hat man Angst? Vor jenen, die am unteren Segment der Gesellschaft angesiedelt sind? Das ist eine Verschwörungstheorie, die wir seit über zehn Jahren hören.

STANDARD: Ist das ein zielführender Umgang mit einer zahlenmäßig doch beträchtlichen Gruppierung wie der Pegida, wenn man zu deren Anhängern sagt: Sorry, ihr seid nur Verschwörungstheoretiker"?

Hafez: Ich weiß nicht, wie man mit dieser Gruppe umgeht. Aber die Frage bei Vorurteilen ist immer, ob man sie bekämpfen kann. Oder ob sich Vorurteile sowieso immer nur selbst bestätigen, weil jedes Argument gegen Vorurteile nur in jene Schublade gesteckt wird, die das Vorurteil wieder bestätigt. Ich weiß nicht ob Argumente den Pegida-Anhängern etwas bringen. Aber der Umgang der Mächtigen verändert etwas. Nicht zu sagen, man überholt die Rechten rechts. Sondern zu sagen: Wir stehen für ganz andere Werte. Ich habe ein Problem damit, alles immer auf die Religion herunterzubrechen. Das hat alles gar nichts mit Religion zu tun – sondern mit den eigenen Wünschen der Akteure. Das ist ein globales Phänomen. Spätestens seit Huntington teilen wir die Welt in "zivilisiert" und "unzivilisiert" ein.

STANDARD: In einem ORF-Interview sagte eine Wiener Muslimin zu den Anschlägen in Paris, es werde eben so viel Unwahres über den Islam behauptet, da dürfe man sich nicht wundern, wenn von 1,8 Milliarden Muslimen drei von ihnen einmal auszucken. Schließen Sie sich dem an?

Hafez: Ich glaube nicht, dass das die Erklärung dafür ist. Sieht man sich die Lebensläufe der meisten Jihadisten an, dann sieht man: Das sind meistens religiöse Analphabeten aus der sozialen Unterschicht. Sie nehmen den Islam als politische Ideologie an, nicht in erster Linie als religiöses Bekenntnis.

STANDARD: Manche erwarten von prominenten Muslimen, dass sie sich öffentlich klar von den Anschlägen distanzieren. Verstehen Sie das?

Hafez: Ich erzähle Ihnen eine Anekdote. Ein Chefredakteur einer österreichischen Tageszeitung meinte einmal bei einer Diskussion, die Muslime distanzierten sich nicht von Gewaltakten. Woraufhin ihm ein ÖVP-Nationalratspräsident widersprach und einige damals aktuelle Beispiele aufzählte. Ich denke mir: Ein Chefredakteur einer Tageszeitung weiß so etwas, er ist informiert, davon gehe ich aus. Dass er es nicht weiß, sagt sehr viel über seine Sicht auf die Welt aus.

STANDARD: Sie meinen also: Wenn sich Muslime distanzieren, dann will es niemand hören?

Hafez: Diesen Eindruck habe ich oft gewonnen, ja. Ich meine trotzdem, dass es gut ist, wenn sich muslimische Verbände klar positionieren.

STANDARD: Abgesehen von der Rassismuskritik an Pegida: Ist eine solche Bewegung geeignet, jihadistischen Strömungen in Deutschland Einhalt zu gebieten?

Hafez: Ich glaube gar nicht, dass das ihr Ziel ist. Es geht hier nicht um die Lösung irgendwelcher Probleme – sondern nur um Mobilisierung. Bewegungen wie IS und Al-Kaida profitieren genauso von Pegida wie umgekehrt Pegida von IS profitiert. Das ist ein wunderbarer dialektischer Prozess, wo am Ende jeder dem anderen nur die Hände schütteln kann. (Maria Sterkl, derStandard.at, 12.1.2015)

Farid Hafez

ist Politikwissenschafter an der Uni Salzburg.

  • "Bewegungen wie IS und Al-Kaida profitieren genauso von Pegida wie umgekehrt Pegida von IS profitiert. Das ist ein wunderbarer dialektischer Prozess, wo am Ende jeder dem anderen nur die Hände schütteln kann." Politikwissenschafter Farid Hafez
    foto: asma aiad

    "Bewegungen wie IS und Al-Kaida profitieren genauso von Pegida wie umgekehrt Pegida von IS profitiert. Das ist ein wunderbarer dialektischer Prozess, wo am Ende jeder dem anderen nur die Hände schütteln kann." Politikwissenschafter Farid Hafez

Share if you care.