Londoner Geduld mit Abu Hamza

11. Jänner 2015, 17:43
10 Postings

Großbritannien zögerte mit Auslieferung Abu Hamzas - Freitag in den USA verurteilt

Londonistan - so lautete der keineswegs liebenswürdig gemeinte Spitzname, den französische Ermittler gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts der britischen Hauptstadt verpassten. Gemeint war die Zögerlichkeit der Behörden auf der Insel, gegen Jihadisten vorzugehen. Ein Londoner Mitglied der Hasspredigergemeinschaft hat zumindest indirekt zur Radikalisierung eines der beiden Charlie Hebdo-Attentäter beigetragen. Am Freitag wurde Abu Hamza in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der gebürtige Ägypter stellte für die Boulevardzeitungen jahrelang das Abziehbild eines Extremisten dar: Weil der mächtige Mann mit dem eindrucksvollen Rauschebart beim Hantieren mit Sprengstoff beide Hände verloren hatte und an ihrer Stelle Metallhaken benutzte, nannten sie ihn "Evil Hook" (Böser Haken). Hamza hatte die Nordlondoner Moschee am Finsbury Park unter seine Kontrolle gebracht. Von dort aus schickte er junge Muslime zum Terroreinsatz: "Es tut gar nicht weh, und dann erblickst du die Engel, die dich geleiten werden."

Die öffentlichen Auftritte des eingebürgerten Hamza, in denen er Großbritannien gern als "Toilette" beschimpfte, hatten zu lange breites Unverständnis in der Bevölkerung ausgelöst. Zwar verabschiedete das Unterhaus nach den Anschlägen vom 11. September 2001 drakonische Antiterror-Gesetze. Dennoch durfte Hamza, einer der Paten der islamistischen Szene, noch bis 2004 frei herumlaufen. Dann begann das Verfahren, das 2012 in die Auslieferung mündete.

Hamzas Saat ist aufgegangen. Dem Leiter des Inlandsgeheimdienstes MI5 zufolge sind mittlerweile rund 600 britische Muslime als Bürgerkriegskämpfer in Syrien gewesen. Etwa die Hälfte sei zurückgekehrt, vermutet Andrew Parker. Rund 30 gelten als so gefährlich, dass die Behörden sie permanent überwachen.

Akute Terrorwarnung

Der offiziellen Terrorwarnung zufolge gilt ein islamistischer Anschlag auf der Insel als "höchst wahrscheinlich". Laut Geheimdienstchef Parker konnten allein in jüngster Zeit drei geplante Attacken mit Schusswaffen à la Paris vereitelt werden.

Eines Autos sowie mehrerer Messer bedienten sich zwei junge Briten nigerianischer Herkunft, die 2013 den unbewaffneten Soldaten Lee Rigby auf offener Straße ermordeten. Der Haupttäter, Michael Adebolajo, benutzte dazu den Kampfnamen Mudschahid Abu Hamza. Das war offenbar als Hommage auf die Symbolfigur des einstigen Londonistan gedacht. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 12.1.2015)

  • Abu Hamza am 9. Jänner vor dem US-Gericht in Manhattan.
    foto: reuters/rosenberg

    Abu Hamza am 9. Jänner vor dem US-Gericht in Manhattan.

Share if you care.