Terror als "heiliger Krieg": Paris ruft nach Alternativen

Kolumne11. Jänner 2015, 18:05
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Welche Konsequenzen sind aus den Anschlägen in Frankreich zu ziehen? Überwachung ist zwar ein legitimes Mittel der Terrorabwehr, ebenso wichtig wäre aber eine Bildungsoffensive unter den Muslimen

Für Ronald Reagan war die Welt noch erklärbar. 1983 sprach er beim Kongress der amerikanischen "Evangelikalen" (Protestanten, darunter viele Fundamentalisten) von einem Heiligen Krieg in Afghanistan. Hier die Besatzer, die UdSSR, ein "Reich der Bösen", dort die "Guten", das Reich der religiösen Menschen. Also galt es, die Muslime in Afghanistan zu unterstützen - gemäß der eigenen heiligen Schrift in einem "heiligen Krieg" gegen den Kommunismus.

William Casey, damals CIA-Direktor, ein frommer Katholik, folgte seinem Präsidenten und begann, die Mujahedin aufzurüsten. 600 Millionen Dollar flossen bereits im ersten Jahr, 600 Millionen auch aus Saudi-Arabien. Die Umwandlung der Rebellen in eine Militärmaschine begann.

Mit diesen Geldern startete auch die Ausbildung junger islamischer Gelehrter. Einer der Gurus war, wie die britische Religionswissenschafterin Karen Armstrong in ihrem 2014 erschienenen Buch Im Namen Gottes beschreibt, der pakistanische Gelehrte Abdullah Azzam, von dem mehrere Grundsätze stammen: 1. Gelehrsamkeit muss mit kriegerischer Militanz verbunden werden. 2. Der Heilige Krieg muss überallhin verbreitet werden. 3. Die Geschichte "schreibt nur mit Blut". Ehre und Respekt könnten nur auf einem Fundament von "Krüppeln und Leichen" errichtet werden.

Einer seiner Schüler während einer Dozentur im saudi-arabischen Dschidda war Osama Bin Laden, der diese Prinzipien wenig später in die Tat umsetzen sollte. Vor allem, als am Beginn der 90er-Jahre die Sowjetunion und damit der Kommunismus als Gewaltsystem zusammenbrachen. Hier das Licht, dort das Dunkel, diese Sicht verlor sich im Umbruch der Welt. Der extremistische Islam wurde, vor allem durch 9/11, zum neuen "Reich des Bösen" (jetzt als "Islamischer Staat").

Und wieder steht vor uns die große Frage: Rettet uns ein Krieg? Oder starten wir den langwierigen Prozess, das Gros des Islam, die vermeintlich Gemäßigten zu integrieren?

Wobei eines klar ist: Trotz der mangelhaften Überwachung (eine perfekte gibt es nicht) ist diese Art der Terrorabwehr fortzuführen. Jedoch ohne gleichzeitige Einschränkung der Bürgerrechte.

Das andere ist, gerade was Frankreich betrifft, ebenso wichtig: eine Bildungsoffensive unter den Muslimen. In Paris leben heute 1,6 Millionen Muslime. Die Frauen bringen durchschnittlich zwischen drei und vier Kinder zur Welt. Die Fertilität gebildeter Musliminnen ist bis 2010 auf 2,06 gesunken. Das liegt unter der durchschnittlichen französischen Geburtenrate. Diese Frauen sind außerdem selbstbewusster und unabhängiger.

Der "Krieg" in den Pariser Vororten setzt sich, wie man anhand der Biografien der Attentäter auf Charlie Hebdo sehen kann, in den Gefängnissen fort. Dort unterrichten bereits die "Gelehrtenkrieger" Azzams und anderer. Wie "verwahrt" der Westen im Kriegsfall die Terroristen?

Außer es geschieht bei uns ein Rückfall hinter jene Aufklärung, die es im Islam nie gab. Dies aber wäre eine "Zeitgeschichte", die mit Blut geschrieben wird. Hoffentlich wollen das nur wenige. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 12.1.2015)

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