Tansania: Die Jagd auf weiße Afrikaner

12. Jänner 2015, 07:00
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In Tansania kommt Albinismus viel häufiger vor als in Europa. Doch medizinische Betreuung für die hellhäutigen Afrikaner ist kaum vorhanden. Dafür hält sich immer noch der mörderische Aberglaube, dass deren Körperteile Erfolg und Gesundheit bringen

Dodoma - Die Sonne hat Ziyada Nsembos Sehkraft zerstört. Die 60-Jährige ist eine von zirka 33.000 Personen in Tansania, die Albinismus haben. Das besagt eine Statistik der Hilfsorganisation Under the Same Sun. Ziyadas Körper produziert keine ausreichende Menge des Pigments Melanin. Ein Gendefekt, bei dem Vater und Mutter das Gen in sich tragen müssen – so wie bei Ziyadas Eltern. Deshalb hat deren Tochter kein schwarzes Haar, keine dunkle Haut. Ihr Haar ist blond, ihre Haut ist weiß. Und der Aberglaube macht ihr und vielen anderen Albinos in Tansania das Leben schwer.

Werde in einer afrikanischen Familie ein weißes Kind geboren, komme Unglück über das Haus, heißt es. Viele sind überrascht, wenn eine schwarze Frau ein weißes Baby bekommt. Medizinmänner behaupten: Das weiße Baby ist ein Teufel. Vor allem in der Region um den Victoriasee im Norden Tansanias ist der Aberglaube noch präsent. Kontakt zu den weißen Afrikanern bringe Krankheiten und Pech, doch ihre Körperteile brächten Erfolg, sagen die Medizinmänner. Deshalb werden Menschen mit Albinismus gejagt.

In der Stadt sicher

Die Haut, das Haupt, die Gliedmaßen eines Albinos sind besonders begehrt. Landwirte vergraben die Köpfe in ihrem Acker, damit dieser fruchtbarer wird. Fischer nutzen die blonden Haare als Fangnetz, weil sie glauben, ihre Ausbeute würde dadurch reicher.

Ziyada möchte erreichen, dass die Gesellschaft versteht, dass an dem Aberglauben nichts Wahres dran ist. "Jeder Aberglaube ist falsch. Wir bewirken keine Wunder. Wir sind nur weiß und haben eine schlechte Sehkraft." In der Stadt fühlt sich Ziyada halbwegs sicher. Aber in ländlichen Gegenden ist es für Albinos gefährlich. Ob Ziyada je daran gedacht hat, in ein anderes Land auszuwandern? Dort, wo die anderen Menschen auch weiß sind? "Nein, wir lieben unsere Heimat."

Ziyada hatte Glück, sie wurde von ihrer Familie nicht verstoßen. Viele Kinder mit Albinismus landen in Blindenheimen. Manche werden sogar verkauft, weil ihre Körperteile Geld bringen. "Meine Familie hat meine Hautfarbe geliebt. Väterlicherseits gab es immer ein wenig Argwohn, aber sie haben es akzeptiert. Ich habe noch eine Schwester, die ebenfalls Albinismus hat."

Gute Bildung notwendig

Ziyada selbst hat vier Kinder, sie sind schwarz. Ein fünftes, ein Bub, war weiß. Er starb an Hautkrebs. Was sich Ziyada wünscht, ist eine angemessene Schulbildung für Kinder mit Albinismus. "Die Eltern und die Regierung müssen verstehen, dass Leute mit Albinismus eine gute Bildung brauchen. Nur dann werden sie wissen, wie sie sich vor der Sonne schützen müssen." Viele Kinder haben im Unterricht Probleme, weil sie ihm wegen ihrer eingeschränkten Sehkraft nicht folgen können. Oft werden ihre Schwierigkeiten falsch gedeutet, man hält sie für geistig zurückgeblieben.

Auch Abdallah Possi hat Albinismus. Derzeit lebt der 35-jährige Tansanier in Deutschland, arbeitet an der Universität Nürnberg. Abdallah ist Jurist. Doch auch er hat Schwierigkeiten beim Lesen. Tablet-PCs mit Textvergrößerungen könnten das Lernen für Albinos leichter machen. Aber den meisten Schülern in Tansania fehlen die finanziellen Mittel.

Teure Sonnencreme

Medizinische Betreuung für Albinos gebe es in Tansania kaum, kritisiert Abdallah. Im ganzen Lande gebe es nur drei Kliniken, die Hautkrebs behandelten. Auch die hohe Besteuerung von Kosmetika treffe weiße Tansanier besonders, denn darunter fallen auch die importierten Sonnenschutzcremes. "Sonnenschutz ist in Afrika keine Selbstverständlichkeit, ein Sonnenbad nimmt hier niemand". Doch bei Albinismus sind die Cremes extrem wichtig. (Claudia Wiggenbröker, DER STANDARD, 12.1.2015)

  • Das Unicef-Foto des Jahres 2009 zeigt das damals zehnjährige  Albino-Mädchen Selina mit einer Freundin in einer Schule in Tansania. Der  schwedische Fotograf Johan Baevman wollte damit auf den tödlichen Aberglauben in  dem afrikanischen Land aufmerksam machen.
    foto: apa / unicef / johan baevman

    Das Unicef-Foto des Jahres 2009 zeigt das damals zehnjährige Albino-Mädchen Selina mit einer Freundin in einer Schule in Tansania. Der schwedische Fotograf Johan Baevman wollte damit auf den tödlichen Aberglauben in dem afrikanischen Land aufmerksam machen.

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