Geiselnahmen nach Anschlag auf "Charlie Hebdo" beendet: Drei Attentäter und vier Geiseln getötet

9. Jänner 2015, 23:41
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Geheimdienste warnen vor weiteren Anschlägen

Paris - Die Franzosen wurden Zeugen eines doppelten Showdowns. In Dammartin-en-Goële nordöstlich von Paris gelang es dank eines riesigen Polizeiaufgebots, die zwei Angreifer auf das Satiremagazin Charlie Hebdo, Chérif und Saïd Kouachi, zu "neutralisieren" , wie Innenminister Bernard Cazeneuve sagte. Auf Deutsch: zu töten.

Nach einer zweitägigen Treibjagd durch das flache Land östlich der Hauptstadt wurden sie am Morgen an einer Polizeisperre gestellt; darauf flüchteten sie sich in eine Druckerei. Die beiden Spezialeinheiten Raid und GIGN glaubten zuerst, die Gebrüder hätten eine Geisel genommen. Was sie nicht wussten: Die Fabriksmitarbeiterin versteckte sich.

Aus der Druckerei telefonierte Chérif laut Medien mit dem TV-Sender BFMTV und verkündete, er sei von Al-Kaida im Jemen beauftragt und finanziert worden. Ebenso sei er von dem radikal islamischen US-Geistlichen Anwar al-Awlaki finanziert worden, der 2011 bei einem Drohnenangriff getötet worden war.

Weiterer Angriff in Paris

Um die Mittagszeit kam es in Paris zu einer wirklichen Geiselnahme: Ein Gesinnungsgenosse der Kouachis, Amedi Coulibaly, hielt über ein Dutzend Kunden eines jüdischen Supermarktes an der Porte de Vincennes am südöstlichen Stadtrand von Paris fest. Der 32-Jährige soll am Vortag eine Polizistin im Vorort Montrouge erschossen haben.

Gegen 17 Uhr gab die Polizei das Zeichen zum Sturm. In Dammartin stürmten die Brüder darauf aus der Fabrik und eröffneten das Feuer mit Sturmgewehren – beide starben. Fast gleichzeitig beendete die Polizei auch die Geiselnahme in dem Supermarkt in Paris-Vincennes. Sie hörte über ein Handy, das Coulibaly nach einem Polizeikontakt offenbar aus Versehen nicht abgestellt hatte, dass er zu beten begann, und drang in das Geschäft ein, wobei sie Coulibaly ebenfalls niederstreckte. Vier Menschen wurden getötet, auch Polizisten wurden verletzt.

Verbleib einer Verdächtigen weiter unklar

Ob die Freundin des Verdächtigen, die tagsüber von der Polizei gesucht wurde, geflüchtet oder ebenfalls getötet worden war, blieb zunächst unklar.

Am Abend gab Präsident François Hollande im Fernsehen das Ende der Großfahndung und Geiselnahme bekannt. Er zeigte sich "stolz" über den Polizeierfolg, fügte aber auch an: "Wir sind mit den Bedrohungen noch nicht am Ende."

Am Wochenende werden zahlreiche europäische Politiker an einer Großkundgebung für die getöteten Journalisten von Charlie Hebdo teilnehmen: Angela Merkel aus Deutschland, David Cameron aus Großbritannien, Matteo Renzi aus Italien, Mariano Rajoy aus Spanien, Jean-Claude Juncker und Donald Tusk aus Brüssel. Aus Österreich kommt u. a. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, die dort auch über polizeiliche Zusammenarbeit beraten will.

Warnung vor weiteren Anschlägen

Der Chef des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5, Andrew Parker, warnt vor Terroranschlägen mit einer großen Opferzahl in westlichen Ländern. Eine Kerngruppe militanter Islamisten in Syrien, die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehe, plane derzeit umfangreiche "Angriffe gegen den Westen".

Gemeinsam mit seinen Partnern tue Großbritannien alles, um derartige Anschläge zu verhindern. "Wir wissen jedoch, dass wir nicht darauf hoffen können, alles zu stoppen", sagte Parker. Auch französische Sicherheitsbehörden warnten vor weiteren Attentaten. In Österreich werden ab diesem Wochenende die Sicherheitsvorkehrungen verschärft und mehr Polizisten auf belebten Plätzen patrouillieren, kündigte Innenministerin Mikl-Leitner am Freitag an. Ihr deutscher Amtskollege Thomas de Maizière äußerte sich für Deutschland nahezu wortgleich. (DER STANDARD, 10.1.2015)

  • Der Triumphbogen im Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Terrors.
    foto: reuters/boudlal

    Der Triumphbogen im Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Terrors.

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