Der Turmbau zu Babel und andere hochriskante Geschäftsmodelle

Kolumne9. Jänner 2015, 18:19
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Der Turmbau zu Babel scheint für viele immer noch die Grundinterpretation von Mehrsprachigkeit zu sein: eine Strafe von oben, einzig und allein auf die sündigen Köpfe heraufbeschworen, um sie zu verwirren, zu entzweien und an großen internationalen Projekten zu behindern.

Diese auf eher unheilige Art biblische Interpretation findet Niederschlag in diversen Abwertungen von Mehrsprachigkeit, ja bis hin zu immer wieder ernsthaft angedachtem Erstsprachverbot und zwangsverordnetem Identitätsverlust. So schlimm Ohnmacht sein kann, die man erleidet, sobald man in einem Land ankommt, ohne dessen Sprache zu kennen, so schlimm ist auch ein solcher Maulkorb.

Selbstverständlich fällt alles aus dem sozialen Leben, was sich nicht artikulieren kann, und das Beherrschen des Deutschen ist Bedingung für berufliches Weiterkommen. Doch darum geht es oft nur oberflächlich. Die mitgebrachte Sprache ist doch so vollwertig wie die zu erlernende weitere. Zu oft werden Menschen, die sich in Fremdsprachen unterhalten (sofern diese weder Englisch noch Französisch sind) im öffentlichen Raum teils per grottigem Hausmasta’s Voice beschimpft und zurechtgewiesen. Sie solle aufhören, diese "hässliche" Sprache im Bus zu benützen, sie solle sich am besten ganz weit weg setzen, wurde eine bilinguale Bekannte angeschrien, die sich auf Russisch mit Freunden unterhielt.

Gespaltene Zunge macht eben verdächtig. Wahlkämpfe und Plakate fremdenfeindlicher Provenienz tragen zur unkonstruktiven Stimmung bei. Offen bleibt, welche biblische Gottesstrafe wohl auf jenen FPÖ-Anhängern lastet, die nach guten Deutschkenntnissen anderer schreien und dabei nicht einmal die Erstsprache vollwertig beherrschen. (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 10./11.1.2015)

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