Kadyrow droht Chodorkowski, doppeldeutige Reaktionen in Ungarn 

9. Jänner 2015, 18:18
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Wladimir Putin sandte ein Beileidstelegramm nach Frankreich, doch Tschetscheniens Oberhaupt Ramsan Kadyrow fühlt sich durch den Anschlag auf Charlie Hebdo offenbar inspiriert. Dem Ex-Yukos-Chef Michail Chodorkowski drohte er jedenfalls ein ähnliches Schicksal wie den Karikaturisten des Satiremagazins an.

Chodorkowski hatte den Opfern des Anschlags sein Beileid ausgesprochen, zugleich aber gefordert, sich von der Bluttat nicht einschüchtern zu lassen. Wenn die Journalisten ihre Würde schätzten, "darf es morgen kein Blatt ohne Mohammed-Karikatur geben", schrieb er.

Offenbar wolle Chodorkowski, dass alle Journalisten die "Erfahrung des Pariser Verlags teilen", erregte sich daraufhin Kadyrow und nannte den Exil-Oligarchen einen Feind aller Muslime und "damit auch meinen persönlichen Feind". Für seinen Aufruf werde Chodorkowski trotz seiner Flucht in die Schweiz hart bestraft.

"Die Drohung unterscheidet sich in ihrer Tendenz nicht vom Terroranschlag in Paris", reagierte Chodorkowski. Er werde sich aber nicht einschüchtern lassen und sei davon überzeugt, dass die Mehrheit der Muslime die Meinungsfreiheit als Grundwert der Gesellschaft unterstütze.

Zwiespältige und doppeldeutige Reaktionen in Ungarn

Der ungarische Premier Viktor Orbán hat Freitag den Terroranschlag gegen das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo als "brutalen Terrorakt" verurteilt. In einem Radiointerview erwähnte er aber auch die "schlechte Einwanderungspolitik" der EU - und machte diese so indirekt mitverantwortlich für das Blutbad. "Jetzt wäre es allerdings geschmacklos, mit der Stimme der Vernunft zu sprechen, wenn die Seelen noch erschüttert sind", fügte er hinzu.

Die Orbán-nahe Presse war weniger zurückhaltend. Szilárd Szönyi, stellvertretender Chef der Wochenzeitung Heti Válasz, geißelte schon Mittwoch die "ordinären Karikaturen" von Charlie Hebdo, die "Millionen Christen, Muslime - oder eben Juden" erbost hätten. Man müsse sich schützen. Etwa "dadurch, dass wir nicht massenhaft Karikaturen veröffentlichen, die nicht nur den Ekel dieser Wildtiere, sondern den jedes anständigen Bürgers erregen".

Ähnlich die Tageszeitung Magyar Nemzet am Freitag. "Wo ist die Grenze der Meinungsfreiheit?", fragte sie. "Ist das Recht auf Skandalisierung wirklich so wichtig, dass es sich lohnt, dafür zu sterben? Und darf man über jemandes Glauben Witze reißen?" In Ungarn womöglich nicht. Einen Musterprozess gab es bisher aber nicht.

(André Ballin aus Moskau, Gregor Mayer aus Budapest. DER STANDARD, 10.1.2015)

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