"Das liest man, und man kann es nicht gutheißen"

Interview9. Jänner 2015, 18:16
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Österreichs Teamkapitän Viktor Szilágyi steht dem Handball-WM-Gastgeber Katar nicht unkritisch gegenüber. Freilich muss er sich auf den Sport konzentrieren und traut Österreich den Einzug ins Achtelfinale zu

Standard: Ein vom Sportministerium verantwortetes Ranking der 60 heimischen Sportverbände sah Handball kürzlich auf Rang 37. Nun fährt das Herrenteam mit Hoffnungen zur WM nach Katar. Wie passt das zusammen?

Szilágyi: Über dieses Ranking will ich gar nicht mehr viele Worte verlieren. Insgesamt war es ein Schlag ins Gesicht der Handballer. Man hat wieder einmal gesehen, wie in Österreich vieles funktioniert. Aber wir wissen, dass in unserem Verband überragend gearbeitet wird - und dass das Interesse der Fans an Handball immer größer wird.

Standard: Was vielleicht noch fehlt, ist ein wirklich großer Erfolg des Teams. Kann er bei der WM gelingen?

Szilágyi: Wir werden alles dafür tun. Unsere Gruppe ist keine leichte, aber sehr ausgeglichen. In den meisten Spielen werden Kleinigkeiten den Ausschlag geben. Es ist alles möglich, der erste, aber auch der sechste Gruppenplatz. Das ist eine Warnung, aber auch ein großer Ansporn für uns.

Standard: Können Sie die sehr großen Ziele, von denen oft die Rede war und ist, etwas näher definieren?

Szilágyi: Unser großes Ziel ist einer der ersten vier Gruppenplätze, dann sind wir im Achtelfinale. Weiter brauchen wir nicht vorausdenken. Aber natürlich würden wir uns, wenn wir das schaffen, ein neues Ziel setzen.

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Viktor Szilágyi im Porträt.

Standard: Wo steht Österreich aktuell im Welthandball?

Szilágyi: Wir haben uns international so weit einen Namen gemacht, dass viele Länder nicht mehr gerne gegen uns spielen. Außerdem ist eine WM eine spezielle Situation für alle Teams. Auch die Topnationen können nicht in allen Spielen das Maximum abrufen.

Standard: Kroatien ist eine solche Topnation, war bei den jüngstens sechs Endrunden einmal Weltmeister, zweimal Zweiter, einmal Dritter. Ist's ein Vorteil, dass Österreich schon im ersten WM-Spiel am Freitag auf Kroatien trifft?

Szilágyi: Ob's ein Vorteil war, weiß man immer erst nachher. Aber man weiß, Kroatien ist eine Mannschaft, die sehr von individueller Stärke lebt und manchmal ein paar Spiele spielt, um sich als Mannschaft zu finden. Wir müssen in jedes Spiel voll reingehen. Vorher weiß man nicht, an welchem Tag man kämpfen muss und an welchem Tag man über sich hinauswachsen kann. Für den Gegner gilt das auch.

Standard: Sie haben vor knapp 17 Jahren Ihr Teamdebüt gegeben. Wie hat sich Österreichs Handball in dieser Zeit entwickelt?

Szilágyi: Natürlich hat es auch Rückschläge gegeben. Aber wir haben uns etabliert, haben an großen Turnieren teilgenommen, haben etliche Nationen, mit denen wir vor Jahren noch auf Augenhöhe waren, abgehängt. Man hat ein Erfolgserlebnis, und einen Tag später wird man schon wieder daran gemessen. So ist der Sport.

Standard: Ist die Tatsache, dass sich das Team auf viele Legionäre aus Deutschland stützt, Beweis dafür, dass die heimischen Klubs gute Nachwuchsarbeit leisten?

Szilágyi: Das würde ich unterschreiben. Für junge Spieler ist es wichtig, ins Ausland zu gehen, und in Deutschland gibt es ganz andere Möglichkeiten. Österreichs Klubs müssen sich als Ausbildungsvereine sehen, und sie bringen auch immer wieder interessante Spieler heraus. Das liegt auch an sehr guten Trainern, die in Österreich tätig sind.

Standard: Das Team wird seit 2008, mit kurzer Unterbrechung, von Isländern betreut, erst von Dagur Sigurdsson, jetzt von Patrekur Johannesson. Gibt es eine isländische Handschrift?

Szilágyi: Das ist wohl die Bereitschaft der Isländer, immer hundert Prozent zu geben. Mit Johannesson hab ich noch gemeinsam bei Tusem Essen gespielt, der war schon damals so. Immer alles zu geben, das ist zunächst sein Anspruch an sich selbst. Aber das verlangt er auch von den Spielern.

Standard: Wie beschreiben Sie die österreichische Spielanlage? Wo liegen die Stärken der Mannschaft?

Szilágyi: Unsere Stärke sollte sein, dass wir mehr Möglichkeiten als früher haben, nicht mehr so leicht auszurechnen sind. Jeder weiß, dass wir sehr schnelle, gefährliche Flügelspieler haben. Aber mittlerweile sind wir breiter aufgestellt. Wir haben körperlich starke Spieler dazubekommen. Der Teamchef kann Veränderungen vornehmen, ohne dass der Spielfluss bricht.

Standard: Inwiefern trägt der Austragungsort Katar dazu bei, dass die Herausforderung eine besondere ist?

Szilágyi: Jedes Turnier außerhalb Europas ist eine Herausforderung. Eine WM in Katar kann man mit einer WM in Schweden nicht vergleichen. Das Klima ist speziell, auch wenn wir in klimatisierten Hallen spielen. Wir sind auf einiges vorbereitet.

Standard: Kann man als Sportler die negativen Schlagzeilen ausblenden, für die Katar durch den und nach dem Zuschlag für die Fußball-WM 2022 gesorgt hat und sorgt?

Szilágyi: Man versucht es. Aber natürlich ist man nicht immun, man liest ja Zeitung, man sieht die Nachrichten. Als Sportler stelle ich mir allein schon die Frage, wie nachhaltig vier neue große Sportzentren in einem solchen Land sein können. Wie lange wird man diese Zentren nützen?

Standard: Wenn man Zeitung liest, weiß man auch, dass internationale Menschenrechtsorganisationen immer wieder darauf hinweisen, dass ausländische Arbeiter in Katar ausgebeutet werden.

Szilágyi: Das liest man, und man kann es nicht gutheißen. Aber das liegt nicht in meinem Bereich. Ich hab nicht die Fußball-WM an Katar vergeben. Ich hab auch nicht entschieden, dass die Handball-WM dort stattfindet. In unserem Entscheidungsbereich lag, dass wir uns für die WM qualifiziert haben. Und in unserem Entscheidungsbereich liegt, wie wir bei der WM abschneiden werden.

(INTERVIEW: Fritz Neumann, DER STANDARD, 10.1.2015)

Zur Person:

Viktor Szilágyi (36) kam als Sechsjähriger nach Österreich, weil sein Vater Istvàn, 200-maliger Internationaler in Ungarn, Spielertrainer in St. Pölten wurde. Vereine: Union St. Pölten, HIT Innsbruck, Bayer Dormagen, Tusem Essen, THW Kiel, VfL Gummersbach, SG Flensburg-Handewitt, Bergischer HC. Erfolge: deutscher Meister (3x), deutscher Pokalsieger (2x), Champions-League-Sieger (2x), EHF-Cup Sieger (2x), Cupsieger-Cup Sieger (2x). 853 Tore in 187 Länderspielen. 1,95 Meter groß, 95 kg schwer.

  • Viktor Szilágyi ist Kapitän und große Stütze des Nationalteams.  Österreichs WM-Ziel ist der Achtelfinaleinzug. "Wir werden alles dafür  tun."
    foto: apa/pfarrhofer

    Viktor Szilágyi ist Kapitän und große Stütze des Nationalteams. Österreichs WM-Ziel ist der Achtelfinaleinzug. "Wir werden alles dafür tun."

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