Michel Houellebecq: Tieftraurig, sarkastisch, idealistisch

9. Jänner 2015, 18:08
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Der Erfolgsautor sorgt wieder für Aufregung

Seine biografischen Stationen lesen sich wie Postkartenidyllen eines klischeehaften Verfalls: Michel Houellebecq wurde 1958 als Sohn von Hippieeltern geboren und sehr bald bei der Großmutter in Paris abgegeben. Er störte beim Hippiesein. Er studierte Landwirtschaft und Informatik, trat in den Staatsdienst, wurde wegen psychischer Probleme freigestellt, begann zu schreiben.

Depressionen, Alkohol, Morphiumsucht und Aufenthalte in der Psychiatrie folgten. Man muss sich Michel Houellebecq als sehr wahrscheinlich tieftraurigen Menschen vorstellen. Dabei kann der 56-Jährige seit den frühen 1990er-Jahren zu den wichtigsten Gegenwartsautoren gezählt werden, den dieser wunderbare, verstörende, grausame und schreckliche Planet zu bieten hat.

In seinen Romanen Ausweitung der Kampfzone, Elementarteilchen, Plattform oder zuletzt dem Meisterwerk Karte und Gebiet geht es um die wesentlichen Themen des modernen Lebens: Verzweiflung, Isolation. Einsamkeit, Wohlstandsverwahrlosung. Existenzielle Langeweile. Zu wenig Sex. Zu wenig Liebe. Sex ohne Liebe. Aber niemals Liebe ohne Sex. Soziale Kälte, Niedergeschlagenheit. Tiefe, abgrundtiefe Traurigkeit.

Houellebecq ist nicht gerade ein Sonnenkind, vor dem Sturz in den Nihilismus schreckt er allerdings zurück. Insgeheim ist der Mann Idealist und Romantiker. Er möchte, dass es uns allen gutgeht. Daran zerbricht er.

Michel Houellebecq, der Skandalautor, der Säufer, der bekennende Hurenbock und radikale Libertinär, sorgte schon 2001 anlässlich seines Romans Plattform wegen seiner Meinung über den Islam als "kriegerische, intolerante Religion, die die Menschen unglücklich macht" für wüste Kontroversen.

Sein jetzt in Frankreich erschienener Roman Soumission ("Unterwerfung") wird ebenso heftig diskutiert - nicht nur wegen des Terroranschlags auf das Satiremagazin Charlie Hebdo, dessen Cover Houellebecq gerade ziert. In Soumission gelangt 2022 mit Unterstützung eines die rechtsextreme Marine Le Pen verhindern wollenden Mitte-links-Bündnisses eine muslimische Partei an die Macht. Sie führt die Scharia und die Polygamie in Frankreich ein.

Es handelt sich um eine Satire, wie der Autor betont. Die Aufregung aber ist riesig. Michel Houellebecq scheint einmal mehr in eine offene Wunde zu stoßen. Literatur muss das tun. Als sicher gilt: Der Autor erhält gerade Personenschutz. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 10./11.1.2015)

  • Erfolgsautor Michel Houellebecq
    foto: reuters/tony gentile

    Erfolgsautor Michel Houellebecq

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