"Rituale des Trauerns um bessere Zeiten"

Interview11. Jänner 2015, 12:38
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Protestgruppen wie Pegida sind für Ivaylo Ditchev ein Zeichen für die Delegitimation der etablierten Politik. Dennoch böten sich auch Chancen.

STANDARD: Ihr aktuelles Forschungsprojekt heißt "Urban Stages of Protest. Balkan Cities as Symptom". Ein Symptom wofür?

Ditchev: Wenn man sich die Welt so ansieht, dann fällt auf, dass seit mindestens fünf Jahren jede größere Politik-Entscheidung von Straßenprotesten begleitet wird. Ich glaube, das ist ein Symptom für die Delegitimation unserer Politik. Für das Gefühl, dass irgendetwas in der Welt aus den Spuren geraten ist. Auf dem Balkan gibt es schon seit Belgrad 2000 immer wieder Protestwellen. Jüngst in Athen, Istanbul und Sofia. In der Region ist das Gefühl besonders deutlich zu spüren, dass die Weltordnung sich zerschlagen hat. Und dass die Leute die neuen Ungleichheiten nicht akzeptieren.

STANDARD: Die Proteste sind eine positive Entwicklung?

Ditchev: Die Sozialbewegungen sind sehr schnell, sie sind teils aber auch gewalttätig. Und sie erreichen oft nicht das, was sie sich vorgenommen haben.

STANDARD: Warum ist das so?

Ditchev: Ein Grund ist sicher der neue globale Markt für Bilder. Ein Ort imitiert den anderen. In Gesten, in Ritualen. Oft ohne die Inhalte mitzudenken. Im vergangenen Jahr gab es in Bulgarien eine Uni-Besetzung. Die Studenten wollten damit die Aktionen von Paris aus dem Jahr 1968 kopieren. Aber damals waren das Linke, die für eine Utopie gekämpft haben. Die Studenten in Sofia waren aber rechts. Sie wollten mehr Ordnung, Durchsetzung von Gesetzen. Statt sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, bleiben die Leute bei der Form.

STANDARD: Sie setzen sich alle Anonymous-Masken auf und fühlen sich als Teil der gleichen Kultur. Aber sie verfolgen nicht die gleichen Ziele?

Ditchev: Statt zu Parteiveranstaltungen zu gehen, Manifeste zu schreiben oder politische Anführer zu wählen, wiederholen sie die Formen des Protests. Die Leute sagen: Wir brauchen keine Führungsfiguren, wir brauchen keine Programme. In Bulgarien sagten die Demonstranten: Wir wollen keine konkreten Forderungen, denn die könnten erfüllt werden. Das ist etwas absurd. Und es ist gefährlich: Es wird einfacher, sich zu organisieren. Aber die Ernsthaftigkeit bleibt auf der Strecke.

STANDARD: Oft geht es gegen etablierte Politik. Können Regierungen denn überhaupt etwas tun, um den Demonstranten entgegenzukommen?

Ditchev: Oft geht es um Abhängigkeit von weit entfernten Zentren. Die Leute haben den Eindruck, dass ihnen etwas aufgezwungen wird. Vom Internationalen Währungsfonds (IWF), von Washington, Moskau oder Brüssel. Man sollte also durchaus etwas tun, um Souveränität zurückzugewinnen.

STANDARD: Werden sich Protestbewegungen weiter ausbreiten?

Ditchev: Selbstverständlich. Es geht um Vertrauen. In die Regierungen, in die Gerechtigkeit. Es gibt natürlich Orte mit unterschiedlichen Traditionen. In Deutschland gehen die Leute nicht so schnell auf die Straße wie in Frankreich. Es ist daher nicht leicht vorherzusagen. Und man muss anmerken, dass die Proteste nicht nur positive Seiten haben: Denken Sie etwa an die Pegida in Dresden.

STANDARD: Aber ist das wirklich die gleiche Kategorie?

Ditchev: Nein. Aber es ist die gleiche Handlungsform. Die Leute trauen ihren Vertretern nicht. Nicht den Abgeordneten, dass sie ihre Interessen vertreten. Nicht den Journalisten, dass sie ihnen die Wahrheit sagen. Das ist eine tiefe Krise der Zivilisation, denn die basiert auf einem Vertrauen in Spezialisten. Jemand wie Edward Snowden verbreitet tausende Seiten Information, die Sie und ich direkt lesen können. Aber ich verstehe nichts von den Dingen, um die es da geht - trotzdem gibt mir das Faktum, dass ich darauf zugreifen kann, den Eindruck, dass ich etwas weiß. Und ich glaube nicht mehr länger daran, dass mir die Zeitung das so präsentiert, dass es meiner Wahrheit entspricht.

STANDARD: Aber geht es nicht gerade darum, diese Abhängigkeiten von Autoritäten zu brechen?

Ditchev: Man wird auch weiter Vertrauen brauchen. Aber das haben wir nicht mehr. Warum? Weil die Leute mobil sind. Man hat keine schicksalhafte Verbindung mehr. Der Staat wird zu einer Art Firma, die Dienstleistungen liefert, die ich mit meinem Steuern bezahle. Das ist alles. Es geht nicht mehr um Identifikation.

STANDARD: Es gibt Bewegungen, die vorübergehend gewonnen hatten und solche, die Chancen haben - etwa Podemos. Wenn Erwartungen nicht erfüllt werden können - haben Sie dann Sorge vor einer Rückkehr des Autoritarismus?

Ditchev: Das ist absolut eine Gefahr. Die spanische Protestbewegung entsprang zu großen Teilen einem Buch des französischen Aktivisten Stéphane Hessel mit dem Titel Empört Euch! Und das ist es auch, was viele verbindet: Ärger. Das Problem ist, dass diese Bewegungen meist keine Parteien produzieren, die Führung übernehmen könnten. In Ägypten waren die einzigen gut Organisierten die Muslimbrüder. Deshalb, weil sie nicht durch neue Medien, sondern klassisch aufgebaut waren.

STANDARD: Sehen Sie Ansatzpunkte, die für die Demonstranten nicht als "ausprobiert und gescheitert" gelten?

Ditchev: Oft sind Demonstrationen paradoxer Ausdruck von Akzeptanz. Zum Beispiel jemand wird von der Polizei erschossen: dann wird demonstriert. Ist das nicht eine Art des Trauerns nach einem tragischen Moment? Oder es geht um das Zahlen von Schulden, etwa in Griechenland. Die Leute haben protestiert - dann wurde gezahlt. Eine pessimistische Version wäre, dass die Proteste ein Ritual sind, das schmerzliche Änderungen begleitet. Ein Trauern um bessere Zeiten.

STANDARD: Und die optimistische Version?

Ditchev: Das Gute ist, wenn man so will, dass sich die Leute wieder für Politik interessieren. Aber das Problem ist, dass Politik nicht interessant ist. Die Leute erwarten das, sie wollen kreative Zugänge. Und das ist gefährlich: Politik soll nicht kreativ sein, sie ist langweilig. Es geht darum, sich immer wieder in ähnlichen Formen ähnlichen Problemen zu stellen.(INTERVIEW: Manuel Escher, DER STANDARD, 10.1.2015)

foto: iwm
Ivaylo Ditchev (59) ist Professor für Kulturanthropologie an der Universität von Sofia. Er beschäftigt sich mit Fragen der Staatsbürgerschaft, der Migration und mit städtischen Bewegungen. Auf Einladung des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) war er in Wien.
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