Die Macht der Satire: Lachen ist Opposition

Essay10. Jänner 2015, 12:00
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Autoritarismus und Satire vertragen sich nicht. Fundamentalisten, Diktatoren, Radikalinskis - ihnen ist die hintersinnige Heiterkeit verdächtig, denn sie lässt sich nicht kontrollieren. Extremisten setzen auf fanatischen Furor, Satiriker auf das menschliche Maß

Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt. Es ist tödlich, wenn man alles lächerlich macht.

Der erste Satz stammt von Thomas Bernhard, dem Alten Meister verkannter österreichischer Satire. Den zweiten hat sich die Realität diesen Mittwoch um 11.20 Uhr in der Rue Nicolas Appert im elften Pariser Arrondissement einfallen lassen. Dort hat sich die bis an die Zähne bewaffnete Lächerlichkeit Zutritt zu den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo verschafft. Und dort haben deren willfährige Knechte, wie es später in Kommentaren pathetisch formuliert werden wird, versucht, "die Freiheit in einem Meer aus Blut zu ertränken".

Die Satire aber kann schwimmen. Ausdauernd und leicht gleitet sie in allen Lagen durch jede Flüssigkeit. Blut, Schweiß, Tränen? Brust, Kraul, Delfin.

Der Spott, er bleibt immer oben. Weil er leicht ist und geschmeidig. Er braucht keine heißgeschossenen AK47, um Löcher zu schlagen. Denn Satire, so hat es ein kluger Kopf irgendwann formuliert, sei ästhetisch sublimierte Aggression. Das macht sie und ihre Geschwister, Ironie und Sarkasmus, so gefährlich für alle Machthaber. Vor allem für jene, die auch absolute Rechthaber sein wollen.

Entwaffnende Ehrlichkeit

Sie wissen: Lachen ist Opposition. Lachen macht sie - no na - lächerlich. Es erniedrigt sie, lässt ihrem eigenhändig aufgepumpten Popanz die Luft aus, es zeigt ihre Ignoranz, Bigotterie und Weltfremdheit. Das Lachen ist ehrlich. Und die Satire, sie protokolliert diese entwaffnende Ehrlichkeit: "Der türkische Vizeregierungschef Bülent Arinç (AKP) will nicht, dass Frauen über seinen eingebrachten Vorschlag, wonach Frauen in der Öffentlichkeit nicht laut lachen sollen, in der Öffentlichkeit laut lachen. Laut dem 66-Jährigen verstoße die überall hörbare Erheiterung über seine Forderung 'gegen jegliches Tugendverständnis der türkischen Frau'. Die Bestätigung für den Werteverfall sieht Arinç im stark zugenommenen Gelächter in seiner Gegenwart.

Schenkelklopfer

Aber auch das Zeigen mit dem Finger auf ihn, das Klopfen auf Schenkel, wenn er den Raum betritt, und das Halten des Bauches, das ,aus unerklärlichen Gründen' in letzter Zeit stetig zunehme, verurteilte Arinç scharf. Er wisse aus privaten Gründen, wovon er rede, denn er beobachte ,diesen Werteverfall' seit kurzem auch bei seiner eigenen Frau."

Das schrieb das Satireportal Postillon im Sommer über die Denkfrucht eines missvergnügten Adlaten der regierenden türkischen Spaßkanone Tayyip Erdogan. Es war eine der heitereren Geschichten des vergangenen Jahres.

Über das Aufkommen der Terrorbande "Islamischer Staat" kann man das eher nicht behaupten. Sie führt Schwarz und Weiß in ihrer Flagge. Schwarz, Weiß - und sonst nichts. Es sind die Farben der terroristischen Gesinnung, die keine Graubereiche zulässt, die keine Schatten und keine Zwischentöne kennt. Denn Autoritären, Diktatoren und Fundamentalisten sind Ambivalenzen verdächtig. Die Vieldeutigkeit, das Sowohl-als-auch lassen sich nicht kontrollieren. Dinge ins Verhältnis zu setzen, ein menschliches Maß anzuwenden und dabei selbst human zu bleiben, das verträgt sich nicht mit absoluten Machtansprüchen und extremistischem Furor.

Faschismus, Kommunismus, Islamismus, christliche Frömmelei, Konsumismus - sie und alle anderen Ideologien tolerieren kein Aber. Der Spott ist die Nemesis für alle absolut gesetzten Weltanschauungen, die schärfste Waffe gegen Moralismen jeder Couleur: "Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?", heißt es bei Georg Christoph Lichtenberg. Das mag man sich auch fragen beim Koran und den Barbaren der IS, deren Geistesbrüder Frankreich tagelang in Atem zu halten vermochten.

Wenn es in diesem Fall auch schwerfallen mag, "eine Tat in einen Gedanken umzusetzen" (Karl Kraus), steht doch fest, dass die mutmaßlichen Täter, Chérif und Said Kouachi, das Lachen vernichten wollten - so wie seinerzeit der greise Bibliothekar Jorge von Burgos im Namen der Rose Aristoteles' zweites Buch der Poetik über die Komödie. Denn ist die Heiterkeit vernichtet, bleiben Ignoranz, Gnadenlosigkeit und Menschenverachtung ungesühnt.

Deshalb mag es nun nachgerade als eine quasi heilige Pflicht erscheinen, aus dem Spott eine Tugend zu machen. Charlie Hebdo muss wieder erscheinen, in Millionenauflage. The Interview muss in die Kinos kommen, auch wenn Kim Jong-un seine nordkoreanische Cyberarmee in Marsch setzt. Die Hohlköpfe dürfen nicht die Oberhand gewinnen. Die Dummen nicht die Weltherrschaft übernehmen, weil die Klügeren andauernd nachgeben (oder sich "unterwerfen", wie es Michel Houellebecq vermutlich ausdrücken würde).

In der Wahl seiner Mittel darf der Spott nicht zimperlich sein. "Was darf die Satire? Alles." Kurt Tucholsky, dessen Todestag sich heuer zum 80. Mal jährt, gibt die Richtung vor. An seiner Definition hat sich nichts geändert, auch wenn Tucholskys Warnungen ungehört blieben und er selbst in Resignation und Exil auswandern musste: "Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht - so tief kann man nicht schießen." Scharf aus allen Federn zu "schießen", es lohnte sich dennoch.

Verletzungen, Tabubrüche, Geschmacks- und Pietätlosigkeiten sind dabei nicht nur unumgänglich. Sie sind notwendig. Charlie Hebdo bildete Präsident François Hollande, der nun die ersten Totenreden auf die Ermordeten hielt, nach einer aufgeflogenen Affäre mit offenem Hosenschlitz und heraushängendem Penis ab. Christoph Grissemann und Dirk Stermann machten sich in Willkommen Österreich unmittelbar nach dem Tod Jörg Haiders über die Reaktionen der Kärntner lustig, denen "die Sonne vom Himmel" gefallen zu sein schien: "Was sollen wir nur machen? Taschenlampen nach Klagenfurt schicken?"

Charlie Chaplin karikiert im Großen Diktator die bizarren Weltherrschaftsfantasien der Nationalsozialisten, indem er einen Globus in seinem megalomanischen Diktatorenbüro jongliert - auch mit dem Hintern. Und John Cleese reagiert auf die von der Regierung George W. Bush Anfang 2002 im Vorfeld des Irakkrieges ausgemachten Achse des Bösen (Iran, Irak und Nordkorea) mit einer beleidigten Achse der genauso Bösen (Libyen, Syrien und China), einer "Achse der nicht wirklich Bösen, aber doch prinzipiell Unsympathischen" (Bulgarien, Indonesien und Russland) und natürlich um eine "Achse von Ländern, die mitunter von Schafen verlangen, Lippenstift zu tragen" (Spanien, Schottland und Neuseeland).

Es gibt Schnittchen

Und nun reagierte das Titanic-Magazin auf den Tod der Kollegen in Paris so: "TERRORHINWEIS: Für 16 Uhr ist in der Titanic-Redaktion eine Pressekonferenz angesetzt, bei der RTL, Hessischer Rundfunk, Frankfurter Rundschau und sämtliche weitere Privat- und Systemmedien anwesend sind. Für Terroristen bietet sich hier die Möglichkeit, nicht nur eine Satireredaktion auszulöschen, sondern auch die gesamte deutsche Lügenpresse. Es gibt Schnittchen (hinterher)!"

Diese Zeilen mögen schmerzen, einhegen lassen darf sich die Satire dennoch nicht. Auch nicht durch Rücksichtnahme auf eigene Belange.

Lachen als "Endlösung"

Die Bedingungen dafür sind heute so gut wie noch nie. Kaperten die Nazis seinerzeit den Simplicissimus, um ihn für ihre Zwecke zu missbrauchen, können die Kanäle der Komik heute nicht mehr so einfach verödet werden. In den Social Media findet Satire immer ihren Weg zu dankbaren Abnehmern. Ihnen verhilft sie zu einer erträglicheren Welt. Der Klerus mochte seine Inquisition haben, Hitler und Stalin ihre Mörderbrigaden, der Satire kamen sie damals schon nicht bei, weil "das Lachen die Endlösung des Rassenhasses ist" (Ephraim Kishon).

Die islamistischen Terrormilizen mögen ihre Schläfer überall auf der Welt platziert haben, sie können der Satire heute aber noch weniger anhaben als seinerzeit Faschismus und Kommunismus, weil sie im weltweiten Netz nicht "ausmerzbar" ist - auch in den arabischen Ländern nicht: Palästinensische Schauspieler stellen auf Memri TV eine Straßensperre der IS-Milizen nach. Endlich verirrt sich ein Christ dorthin, den die IS-Leute natürlich unbedingt erschießen wollen, um "Bonuspunkte" für das Paradies zu sammeln. Wer ihn denn nun töten darf, darüber geraten sie aber so heftig in Streit, dass der gute Christ vor lauter Aufregung an einem Herzinfarkt stirbt. Alle Wiederbelebungsversuche und Anrufungen Allahs nützen schlechterdings nichts: Shit happens and then you die.

Es ist alles lächerlich, wenn man an das Leben denkt. Es ist lebendig, wenn man alles lächerlich macht. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 10./11.1.2015)

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