Mayer-Heinisch: "Handel verliert Headquarter"

11. Jänner 2015, 10:00
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Konsumenten geht ob des gefräßigem Staates das Geld aus, der Einzelhandel gerät in die Defensive, sagt der Handelsverbandschef

STANDARD: Österreichs Einzelhandel hat vor kurzem den zweitstärksten Umsatzrückgang der EU erlebt. Der Konsum war in Zeiten der Krisen lange ein stabiler Anker. Ist es damit vorbei?

Mayer-Heinisch: Den Kunden geht am 20. jedes Monats das Geld aus. Wir haben seit Jahren einen gefräßigen Staat, der einem über Steuern und Gebühren die Butter vom Brot nimmt. Das Leben ist teurer geworden, und jetzt haben wir den Scherben auf. Die Lösung verbirgt sich nicht hinter einer Steuerreform, sondern hinter einer Entlastungsoffensive. Die Regierung hat aber ein Jahr lang über Mehrbelastungen diskutiert - psychologisch ein Mega-GAU für den Handel.

STANDARD: Aber muss man nicht die Kirche im Dorf lassen? Nach wie vor fließen hierzulande 60 Milliarden Euro im Jahr ins Shoppen. Das ist Jammern auf sehr hohem Niveau.

Mayer-Heinisch: Der Handel ist Österreichs zweitgrößter Arbeitgeber, wesentlicher Wirtschaftsfaktor, als größter Mehrwertsteuereinheber fast ein Finanzamt, und er hat neben der Versorgerrolle Unterhaltungs- und Luxusfunktion. Wirtschaftszweige, die nicht wachsen, geraten in die Defensive. Egal, auf welchem Niveau sie ein Minus machen. In den nächsten Jahren wird es schwer, die Verluste in den automatisch steigenden Kosten unterzubringen.

STANDARD: Im Fünfjahresvergleich haben sich die Gewinne der Branche Marktforschern zufolge jedoch verbessert.

Mayer-Heinisch: Das glaube ich nur zum Teil. Wir haben viele Unternehmen mit Headquarter im Ausland, die Gewinne je nach steuerlichem Bedarf lenken. Ich sehe Betriebe verschiedener Größen mit sehr dünnen Eigenkapitaldecken. Nötige Innovationen sind nicht gratis. Es gibt einen Erosionsprozess.

STANDARD: Droht eine Pleitewelle?

Mayer-Heinisch: Ich glaube nicht. Es wird jedoch Veränderungen bei den Eigentümern geben, und Österreichs Handel wird Headquarter verlieren.

STANDARD: Wie viel Psychologie spielt im Handelsgeschäft mit?

Mayer-Heinisch: Sie ist für Lustkäufe das wichtigste Argument. Von der Grundversorgung abgesehen: Händler verkaufen Emotionen - und Kunden wollen den Wow-Effekt oder sich was Gutes tun. Wieso kaufen wir neue Handys, Leiberln, Schuhe? Weil wir sie haben wollen, es Spaß macht, Status verschafft. Fast keiner würde nackt durch die Straße gehen, auch wenn ein Jahr aufs Shoppen verzichtet wird.

STANDARD: Kaufen Sie online ein?

Mayer-Heinisch: Ich bin ein E-Idiot, kaufe Bücher in der Wiener Alserstraße und bekomme sie dort so schnell wie bei Amazon. Aber das Internet bietet Verlässlichkeit, Service. Emotionen freilich bietet der Handel nur vor Ort.

STANDARD: Der boomende Onlinehandel ist keine österreichische Erfolgsstory...

Mayer-Heinisch: Das große Match wird weltweit gespielt, von Amazon und Konsorten. Die Österreicher sind zeitlich im Hintertreffen. Wir können mittun, auf dem Stockerl werden wir nicht stehen.

STANDARD: Amazon kämpft gegen die deutsche Gewerkschaft. Wer sitzt im Ringen um Gehälter und Arbeitsbedingungen auf dem längeren Ast?

Mayer-Heinisch: Beide haben einen langen Atem, da wir an einer Weggabelung sind. Es ist wie im Western "High Noon", wo der Kampf auf dem Hauptplatz ausgetragen wird. Er wird Auswirkungen auf ganz Europa haben. Bisher hieß es, Einzelhändler flüchten nicht. Amazon hat seine Lieferungen sehr schnell nach Polen verlagert. Ein Paketdienst lässt sich auch jederzeit nach Asien verlegen.

STANDARD: Sie sind Verfechter der Sonntagsöffnung. Viele Betriebe bezweifeln, dass sich diese finanziell rechnet.

Mayer-Heinisch: Ich glaube nicht an die generelle Sonntagsöffnung, mir geht es um die Tourismuszone in Wien. Hier sehe ich wesentliche Mehrumsätze und die Chance auf 800 zusätzliche Jobs. Touristen drücken sich sonntags an den Auslagen die Nasen platt, Einkaufen ist Teil eines Städtebesuchs. Aber wir im kleinen Wien wühlen im eigenen Kaffeesud und sehen nicht, wie sich die Welt rundum verändert, der Handel übers Internet wie die Tourismuswelt. Es gibt viele andere schöne Städte, die es Touristen einfacher machen. Die Karawane kann weiterziehen. Österreich hat nicht verstanden, dass wir in einem weltweiten Wettbewerb stehen, nicht bloß zwischen zwei Lobbyinggruppen. (INTERVIEW: Verena Kainrath, DER STANDARD, 10.1.2015)

Stephan Mayer-Heinisch (61) ist Präsident des Handelsverbands und Obmann des Einkaufscenterverbands. Zuvor führte er die Geschäfte von Humanic.





  • Händler dosieren die Droge Abverkauf stetig höher, zumal die Konsumkraft sinkt und sich internationale Onlinekonzerne zusehends größere Stücke vom Umsatzkuchen abschneiden.
    apa, rehder

    Händler dosieren die Droge Abverkauf stetig höher, zumal die Konsumkraft sinkt und sich internationale Onlinekonzerne zusehends größere Stücke vom Umsatzkuchen abschneiden.

  • "Wir wühlen im kleinen Wien im eigenen Kaffeesud."
    handelsverband

    "Wir wühlen im kleinen Wien im eigenen Kaffeesud."

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