Der Feind heißt Fanatismus: Das Attentat auf das Satireblatt "Charlie Hebdo"

Blog11. Jänner 2015, 17:23
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Nicht mit Waffen, sondern mit integrativen gesellschaftlichen Maßnahmen muss der Kampf geführt werden

Wien - Unendlich betroffen, unendlich groß sind die Trauerkundgebungen seit dem grauenhaften, tödlichen Attentat auf die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in Paris am helllichten Tag des 7. Januar in diesem noch so neuen Jahr. Nicht in Worte zu kleiden ist die Fassungslosigkeit über die Brutalität des religiös verbrämten politischen Fanatismus: über den Versuch, eine ganze Zeitungsredaktion zu ermorden und damit mundtot zu machen. Geboten wurde uns die Fratze eines puren Anti-Demokratie-Bewusstseins, einer puren Antirechtsstaatlichkeit, eines puren Terrorismus und scheinbar religiösen Fanatismus. Ziel der Attentäter war es, die Gesellschaften Europas zu spalten, einen Keil zu treiben zwischen muslimische Zuwanderer und nichtmuslimische Bevölkerung.

Angesagt ist deshalb nicht nur die Suche nach den Mördern. Die zwei jungen Männer und ihr Helfer sind gefunden, haben ihr Ziel erreicht. Sie träumten elendiglich banal von einem Märtyrertod. Ebenso ihr Freund, der in einem Pariser jüdischen Supermarkt dieses böse Spiel mit dem leider mancherorts noch immer bzw. schon wieder üblichen antisemitischen Impetus überdrehte. Die Attentäter sind tot. Insgesamt fielen 17 Menschen diesem fanatisch-faschistischen Wahnsinn zum Opfer.

Nicht minder, vielleicht sogar mehr noch angesagt ist die ernsthafte Suche nach den Wurzeln eines solchen fanatischen Tunnelblicks, wie ihn die Attentäter demonstrieren. Vor allem angesagt ist die Suche nach ernst gemeinten soziopolitischen Lösungen. Die angekündigten neuen Anti-Terror-Strategien sind sicher notwendig, allein jedoch können auch solche Maßnahmen nur vordergründig greifen.

"Wir alle sind Charlie Hebdo"

Nicht nur am heutigen Tag, sondern schon am Abend des 7. Januar fanden spontane Gedenkfeiern vor französischen Botschaften in aller Welt statt. "Ich bin Charlie" – "Wir sind Charlie" – "Wir alle sind Charlie". Ein internationales Zusammengehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl entstand. Zivilgesellschaften und Politiker in aller Welt solidarisieren sich mit "Charlie Hebdo", mit den Hinterbliebenen und in einem gemeinsamen Bekenntnis zu Presse-, Informations- und Meinungsfreiheit. Auch politische Repräsentanten nicht oder weniger demokratischer Staaten meldeten sich hierbei zu Wort, verurteilten den fanatischen Mord der Islamisten, auch auffallend viele aus maßgeblichen muslimischen Staaten.

Die Mörder sind der Meinung, mit ihren Kalaschnikows und dem Blutbad, das sie angerichtet haben, ihren Propheten gerächt zu haben, mit ihrer Tat aus der Anonymität der Masse hervorgetreten zu sein, Geschichte gemacht zu haben. Offen bleibt die Frage nach den Zielen der Strategen, von denen sie ausgebildet wurden. Die Imame Europas sprechen sich gegen politischen und religiösen Fanatismus aus und verurteilen die Tat in ihren Gebeten. Weltweit dreht sich der Diskurs über den radikalen Islamismus und dessen Folgen in den Gesellschaften, auch in den muslimischen, weiter. Mit dem mörderischen Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" war geschehen, was nicht sein darf: ein unfassbar brutaler, ein unfassbar extremer Tabubruch in Sachen Menschenrechte.

Hoffen wir, auch für die sinnlos Ermordeten, dass es sich bei den Beileidsbekundungen à la longue nicht um Worthülsen handelt. Im kondolierenden Königreich Saudi-Arabien jedenfalls soll laut Amnesty International dieser Tage der Blogger Raif Badawi mit 1000 Peitschenhieben für die Gründung eines islamkritischen Onlinedebattenmagazins bestraft werden. Dies nicht irgendwo, sondern öffentlich vor einer Moschee in der westsaudischen Hafenstadt Dschidda.

Großer Zulauf für den Front National

Hoffen wir auch, dass irgendwann nicht doch auch in Redaktionen die Angst überhandnimmt. Warum auch immer, ob aus rein wirtschaftlichen, ob aus rein menschlichen Gründen.

Hoffen wir zugleich, dass politische Vernunft über blinden, politisch-religiösen Fanatismus siegt, dass ein solcher nicht weiterhin anderen politischen Hasardeuren dient und deren Feuer schürt.

In Frankreich erfreut sich die rechtsnationale Partei Front National seit dem Attentat auf "Charlie Hebdo" eines phänomenalen Zulaufs. Marine Le Pen fordert für Attentäter die Todesstrafe. Viele folgen ihr. Angst um die eigene Sicherheit, den eigenen Wohlstand schnürt den Menschen das Denken und die Seele zu.

In Deutschland instrumentalisiert die Rechtspartei AfD das Attentat auf die politisch links angesiedelte Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" als Rechtfertigung für die deutsche rechte Anti-Islam-Bewegung Pegida. Auch bei deren Anhängern beeinträchtigen Fanatismus, Tunnelblick, Fremdenhass und soziale Existenzängste eine klare Sicht auf die realen, gesellschaftspolitischen Gegebenheiten. So spielen sich extreme Gruppierungen gegenseitig den Ball zu.

Die Attentäter des Anschlags auf die "Charlie Hebdo"-Redaktion waren französische, für den Kampf ausgebildete, schwer bewaffnete islamistische Terroristen. Sie sind nicht nur die Mörder, sie sind auch die Brandstifter in der Entfremdung zwischen muslimischer und nichtmuslimischer Bevölkerung. Sie und nicht das Satireblatt "Charlie Hebdo", auch nicht dessen Aufmacherstory zum Zeitpunkt des Attentats: der neue Roman des französischen intellektuellen Bestsellerautors Michel Houellebecq. Thema: Frankreichs fiktive Zukunft unter einem muslimischen Präsidenten.

Kampf gegen Einbahn-Fanatismus

Manche mögen in dieser Annäherung an die gesellschaftspolitischen Probleme in Frankreich und die jahrzehntelange Vernachlässigung, die gesellschaftliche Ausgrenzung von Migranten aus den ehemaligen französischen Kolonien eine gezielte Provokation sehen. Eine Lizenz zum Töten jedoch erlaubt sie selbst bei sämtlichen allenfalls anzurufenden Göttern keinesfalls.

Der gemeinsame Feind heißt Fanatismus. Im 20. Jahrhundert hatten Hitlers Nationalsozialisten Worte und Begriffe gebraucht, um selbstgeschaffene Feindbilder zu diffamieren. An dieser Stelle soll nicht auf diesen Wortschatz zurückgegriffen werden.

Leicht wird der Kampf gegen jedweden Einbahn-Fanatismus jedoch keineswegs sein. Im Gegenteil: Zu lange wurde über die möglichen und entstehenden Konflikte hinweggesehen. Sinnvoll ist der Kampf auf jeden Fall. Gelingen kann er allerdings nur, wenn er ernsthaft angegangen wird. Nicht mit Waffen, sondern mit integrativen gesellschaftlichen Maßnahmen. – Auch dies im Sinne der Sühne für den Mordversuch an "Charlie Hebdo". Außerdem: Ohne Einwanderung wächst die europäische Gesellschaft nicht mehr.

Eine Woche nach dem Attentat erscheint das Satiremagazin wieder. Angesagter Umfang: acht Seiten. Angesagte Auflage: eine Million. (Rubina Möhring, derStandard.at, 9.1.2015)

  • Weltweit gibt es Solidarisierungen – hier die Überreste von einer Kundgebung in London.
    foto: ap/dunham

    Weltweit gibt es Solidarisierungen – hier die Überreste von einer Kundgebung in London.

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