Was es heißt, Verantwortung zu übernehmen

Kolumne9. Jänner 2015, 17:12
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Die Muslime müssen eine wache Zivilgesellschaft heranbilden

Die Morde von Paris werfen endgültig die Frage auf, wie die Muslime und die anderen in Europa künftig zusammenleben werden.

Das soll nicht heißen, dass die Muslime hier in ihrer Mehrheit mit den islamistischen Attentätern laut oder klammheimlich sympathisieren; aber sicher haben sie bezüglich Religion, Werten und der allgemeinen Lebenseinstellung Ansichten, die sich von jenen der anderen - Christen, aber auch Bekenntnislosen - sehr unterscheiden.

Das ist belegbar: In einer großangelegten Studie des Integrationsfonds aus dem Jahre 2009 wurde gefragt: "Was ist für Sie persönlich wichtiger: Die Gesetze und Vorschriften Ihrer Religion oder die Gesetze und Vorschriften des österreichischen Staates?"

Für 57 Prozent der Türkischstämmigen (mit etwa 280.000 die bei weitem größte Gruppe von Muslimen) war die eigene Religion wichtiger als die Regeln des Staates Österreich (dessen Staatsbürger ungefähr 115.000 davon sind). Es gibt Abstufungen innerhalb der Muslime. Doch ein ziemlich großer Teil hat einen anderen Wertekanon.

Um es offen zu sagen: Wir haben uns mühsam die Moderne angeeignet - Säkularisierung, Frauenemanzipation, eine liberale Sexualmoral und -gesetzgebung, eine nicht vollständige, aber doch beträchtliche Abkehr von altem autoritärem Denken sowohl in der Familie als auch in der Politik. Von den Muslimen kann man das so nicht sagen.

Die muslimische Community und ihre geistigen Führer müssen Verantwortung übernehmen. Es genügt nicht, zu sagen, diese jungen Männer seien ja keine echten Muslime. Verantwortung zu übernehmen heißt nicht, eine Mitschuld auch nur zu empfinden. Aber es heißt, die Verantwortung dafür anzunehmen, dass diese Wahnideen in der Community bekämpft werden. So wie in Deutschland und Österreich Politiker, Publizisten, Intellektuelle, auch geistliche Führer aktiv die Verantwortung angenommen haben, dass die Wahnideen der Nazis nicht weiterleben oder verharmlost werden. Das war zu Zeiten Waldheims und Haiders ein keineswegs leichter Kampf von ein paar liberalen Geistern gegen den Mainstream. Aber er wurde in dem Sinn gewonnen, dass eine Mentalität wie damals nicht mehr mehrheitsfähig ist.

Es ist die Verantwortung der muslimischen geistigen Autoritäten ebenso wie der muslimischen Normalbürger in Europa, an einem Bewusstseinswandel mitzuwirken. Geschieht das nicht, ist die Prognose für ein Zusammenleben in Europa ungünstig. Wenn sich eine große Zahl von Muslimen in Europa darauf versteift, eine Insel ultrakonservativen, patriarchalischen, religiös-nationalistischen Denkens zu bilden, dann sind Konflikte vorprogrammiert, auch ohne Terroristen.

An dem Gedanken, dass die jungen Radikalen sich von ihrer eigenen traditionellen Kultur ebenso abwenden wie von der "dekadenten" Welt des Westens, ist ja was dran. Die Jungnazis hassten und verachteten die konservativen Honoratioren genauso wie die linken Progressiven. Aber selbst wenn ein paar fanatische Nihilisten durch die muslimischen Autoritäten nicht (mehr) erreichbar sein sollten, so dürfen diese doch nicht schweigen.

Es geht um das geistige Klima in einer Gemeinschaft. Die Muslime müssen eine wache Zivilgesellschaft heranbilden, in der es selbstverständlich wird, sich selbst infrage zu stellen. Das ist ihre Verantwortung. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 10.1.2015)

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