Verwertung zum Wohle der Steuerzahler

9. Jänner 2015, 17:16
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Die Kunstsammlung einer gescheiterten deutschen Bank wird im Auftrag ihres Rechtsnachfolgers bis 2016 verkauft

Empörung ist, was die Kunstszene Nordrhein-Westfalens (NRW) dieser Tage eint. Kaum hat man den Coup von Westspiel verdaut, steht der nächste und in Umfang jedenfalls größere bevor. Zur Renovierung bisheriger Standorte und zur Schaffung eines neuen (Köln) hatte sich der in Landesbesitz befindliche Casinobetreiber via Christie's New York im November von zwei Werken Andy Warhols getrennt (Triple Elvis (1963), 65,54 Mio. Euro; Four Marlons (1966), 55,68 Mio. Euro). Abzüglich der Provision des Auktionshauses dürften etwa 108 Millionen Euro Richtung NRW geflossen sein, wovon Westspiel etwa 80 Millionen Euro erhalten haben soll. Selbst die Bundesregierung hatte sich gegen den Verkauf ausgesprochen. Mit Kunst sollen keine Haushaltslöcher gestopft werden, mahnte etwa Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) ein.

Oder doch? Jetzt wurde bekannt: Die etwa 400 Kunstwerke umfassende Sammlung der WestLB, die aufgrund von Spekulationen in Turbulenzen geraten und im Juni 2012 zerschlagen worden war, steht namens des Rechtsnachfolgers Portigon vor dem Verkauf. Kritiker wähnen einen Ausverkauf öffentlichen Kunstbesitzes: Als ob es sich um eine beliebige Büroausstattung handeln würde, verschafften Museumsdirektoren ihrem Ärger in einer Presseerklärung Luft. Dazu gehöre diese Sammlung eigentlich den Bürgern in NRW.

Tatsächlich komme der Verkaufserlös den Steuerzahlern zugute, halten Befürworter dagegen. Laut Handelsblatt summierten sich die Zuschüsse (u. a. Land NRW, Bund) in den vergangenen zehn Jahren auf mehr als 21 Milliarden Euro. Entsprechend der EU-Vorgaben müssen sämtliche Vermögensgegenstände bis 2016 bestmöglich verwertet werden. Es gäbe keine Alternative, bestätigte Portigon-Chef Kai Wilhelm Franzmeyer der Rheinischen Post. Kein Wunder, gilt es noch ausstehende Verbindlichkeiten in der Höhe von 25 Milliarden Euro zu bedienen.

Zur Sammlung gehören laut Website neben zwei wertvollen Stradivaris (verliehen an Musiker) Werke der klassischen Moderne (u. a. August Macke, Paul Signac), Abstraktes (u. a. Victor Vasarely, Henry Moore, Robert Rauschenberg), Zeitgenössisches aus der NRW-Region (u. a. Joseph Beuys, Zerokuenstler) sowie zeitgenössische Fotografie (u. a. Candida Höfer, Thomas Struth). Nähere Details sind bislang nicht bekannt, eine entsprechende Liste wird laut deutschen Medienberichten vom Finanzministerium unter Verschluss gehalten. Gesichert ist, dass die Sammlung über Auktionen aufgelöst wird und sich die Branche - neben internationalen (Christie's, Sotheby's) auch europäische Granden (Dorotheum, Lempertz) - vermutlich bereits in Stellung bringt.

Indes herrscht Rätselraten um den Wert der Kollektion, den Experten auf Basis von Künstlernamen und zuordenbarer Arbeiten auf zumindest 100 oder auch 150 Millionen Euro schätzen (exkl. Musikinstrumente).

In der Praxis wird es darum gehen, mit welchen Buchwerten die Sammlung in den Büchern geführt wird, die als Mindesterlös herhalten müssen. Ob sich die WestLB auch hier mit zu hohen Ankaufspreisen oder nachträglichen Bewertungen verspekuliert hat, wird sich weisen. (kron, Album, DER STANDARD, 10./11.1.2015)

  • Ob Otto Wesendoncks Skulptur vor der ehemaligen WestLB-Zentrale den einst mäzenatisch investierten Ankaufspreis einspielt, ist fraglich.
    foto: dpa / martin gerten

    Ob Otto Wesendoncks Skulptur vor der ehemaligen WestLB-Zentrale den einst mäzenatisch investierten Ankaufspreis einspielt, ist fraglich.


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