Wortkunde: Kuschelgerichtsbarkeit 

Kolumne10. Jänner 2015, 17:00
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Milde Strafen für Jihadisten: In der Schweiz beklagen sich Kritiker über Kuschelgerichtsbarkeit

In der Schweiz regt sich Unmut wegen der milden Strafen, zu denen einige Jihadisten gegen Ende des Jahres 2014 verurteilt worden sind. Der Vorwurf laute auf "Kuschelgerichtsbarkeit", berichtete das Ö1- Morgenjournal und verwendete damit ein Wort, mit dem gelegentlich Justizkritiker gegen Urteile ins Gericht gehen, die sie für zu lax halten.

Denn: Wer kuschelt, straft nicht, sondern schmiegt sich "aus einem Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit an jemanden oder etwas an" (Duden), d. h. er legt ein Verhalten an den Tag, das man von Strafrichtern nicht erwartet. Auch in der Politik ist der Befund, Parteien befänden sich auf "Kuschelkurs", meist nicht als Kompliment gemeint.

Wo kommt das Kuscheln her? Es ist eine erst im 20. Jahrhundert entstandene Form des älteren, bereits seit dem 17. Jahrhundert belegten Verbs "kuschen", das seinerseits vom französischen "coucher" ("hinlegen" ) entlehnt wurde. Mit dem Befehl "Couche!" gebot man früher Jagdhunden, sich hinzulegen und ruhig zu sein (Kluge, Etymologisches Wörterbuch). Richtet man die entsprechende Aufforderung zum Stillhalten - "Kusch!", oder in der weichen Wienerischen Variante auch "Gusch!" - an einen Menschen, so wird dies die Kommunikationsteilnehmer in der Regel nicht auf Kuschelkurs bringen.

Dass "Gusch!" und ein Vulgärausdruck für den Mund ähnlich klingen, ist Zufall: Hinter der "Goschen" steckt womöglich das gallische "gosier", das - abermals Kluge - wie sein lateinisches Äquivalent "gula" Kehle oder Schlund bedeutet. (win, DER STANDARD, 10./11.1.2015)

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    foto: dpa/frank rumpenhorst
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