Wann Visionen wirksam werden

11. Jänner 2015, 06:11
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Dass eine Vision von mehr Profit und besserem Standing für das Management nicht der attraktive Orientierungspunkt für alle Beteiligten sein kann, ist klar. Worum es geht

Vision: Der Begriff klingt wie ein Zauberwort. Entsprechend hoch sind auch die Anforderungen an eine Unternehmensvision. Sie soll herausfordern und begeistern, Zug erzeugen und mitreißen.

Auch wenn die Wirkung nicht immer so großartig ist wie erhofft, lässt sich der prinzipielle Zusammenhang aus der Empirie durchaus bestätigen: Gute Visionen können erwiesenermaßen Identifikation, Lust und Bereitschaft zu Engagement schaffen. Bahnbrechende Veränderungen gelingen selten ohne inspirierende Visionen.

Und ohne eine anregende mittel- bis langfristig zu lösende Aufgabe fehlt in Unternehmen ein wichtiger Orientierungspunkt. Oftmals ist diese Leerstelle nicht einmal bewusst, sondern äußert sich in Energielosigkeit, schlechter Stimmung und zögerlichen Investitionen - nicht nur monetärer Art - aller Beteiligten.

Was die Energien bringt

Vision ist jedoch nicht gleich Vision. Wirklich stimulierende Visionen sind für die Menschen attraktiv, für das Unternehmen nützlich und für alle Beteiligten heraus-, aber nicht überfordernd.

Die Attraktivität einer Vision misst sich nicht zuletzt daran, wie sehr sie einen tatsächlich auch im Sinne der Beschäftigten erstrebenswerten Zielzustand vorstellbar macht. Sind Arbeitsqualität, Kompetenzentwicklung, gesellschaftlicher Nutzen und ähnliche Größen glaubwürdige Teile des Zielbildes, so ist diese Vision anschlussfähiger als eine, die einzig der Gewinnerwartung von Eigentümern oder dem Ego von Topmanagern zu dienen scheint.

Andererseits sind nur Visionen wirkungsvoll, die auch für die Organisation nutzbringend sind. Wir haben Visionsfindungen erlebt, die wunderschöne Zielbilder malten, in denen aber im Dunkeln blieb, wie die Selbsterhaltungs- und Leistungsfähigkeit der Organisation dadurch gestärkt würde. Die solcherart erzeugte Energie reicht selten weiter als einige Tage über den Workshop hinaus, in dem sie entwickelt wurde.

Sinn stiften

Ambitionierte Herausforderungen, die aus einem Bewusstsein eigener Ressourcen heraus formuliert werden, spenden Energie und stiften Sinn. In Fällen hingegen, in denen die Organisation sich schon zu Beginn des Prozesses als überfordert sieht, führen anspruchsvolle Ziele zu Abwehr und zur Verstärkung des Überforderungsgefühls. Unternehmen, die von einer ehrgeizigen Vision übergangslos zur nächsten wechseln, vermitteln den Mitarbeitern zudem häufig ein Gefühl der Abwertung ihrer Leistungen, nach dem Motto: "Egal, wie viel wir leisten, es ist nie genug." Sehr hoher Druck führt zu Aktionismus mit geringer Effektivität, was wiederum den Prozess der Erschöpfung beschleunigt.

Visionen sind potente Energiebringer - schlecht angewendet, können sie aber leicht zum Energiesauger und Loyalitätszerstörer mutieren. (DER STANDARD, 10./11.1.2014)

Oliver Schrader ist Consultant im systemischen Beratungshaus Trainconsulting. Der studierte Soziologe berät u. a. Führungskräfte und -teams in Führungs- und Kommunikationsfragen. www.trainconsulting.eu

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