Yannick Haenel: "Die Verantwortung, unruhig zu bleiben"

Interview11. Jänner 2015, 19:21
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Der französische Schriftsteller über die Lage der afrikanischen Immigranten in der Pariser Banlieue und seinen auf Deutsch erschienenen Roman "Die bleichen Füchse"

In seinem Roman Die bleichen Füchse (übersetzt von Claudia Steinitz, Rowohlt-Verlag 2014) gibt Yannick Haenel den Papierlosen und ihren Sympathisanten eine Stimme. Inspiriert von afrikanischen Mythen, entwirft er eine revolutionäre Gruppe, die Paris zum Schauplatz einer wilden Revolte macht und die "Utopie einer von der Identität befreiten Welt" beschwört.

STANDARD: Mit Ihrem Roman "Die bleichen Füchse" greifen Sie ein brisantes Thema auf: die Afrikaner, die auf lebensgefährlichem Weg nach Europa kommen und die man hier nicht haben will. Was müsste geschehen, um diesen Menschen eine Perspektive zu eröffnen?

Haenel: Mein Roman ist ein poetischer und politischer Vorschlag, wie auf diese europäische Zurückweisung zu reagieren ist. Ich entwerfe eine Utopie von dem, was sich ereignen könnte. Die europäischen Regierungen haben ihre Politik im Laufe der Zeit einzig nach wirtschaftlichen Interessen ausgerichtet. Die Frage des Rechts ließen sie gänzlich in den Hintergrund treten. Sie halten ihre Grenzen geschlossen und schaffen in Lampedusa riesige Ghettos und Friedhöfe. Ich stelle mir vor, was geschehe, wenn diese nach Frankreich exportierten Sklaven sich endlich politisch organisierten. Den Ausdruck Sklaven wähle ich bewusst. Denn was den afrikanischen Immigranten in Frankreich, aber auch in anderen europäischen Ländern widerfährt, lässt an die Sklaverei denken.

STANDARD: Hintergrund des Romans sind die Protestmärsche, die 2005 nach dem Tod zweier von der Polizei verfolgter schwarzer Jugendlicher in Paris stattfanden. Haben diese Aufstände Erfolge gezeitigt?

Haenel: Leider nein. Im Gegenteil, sie erlaubten es der Regierung, die polizeilichen Überwachungsmethoden zu verschärfen. Es wurde zum ersten Mal seit dem Algerien-Krieg sogar eine Ausgangssperre für Abende verhängt. Eine Woche lang befand sich die Stadt im Ausnahmezustand.

STANDARD: Es waren Mülltonnen und Autos, die bei diesen Revolten in Brand gesteckt wurden. Sind das Symbole der westlichen Zivilisation?

Haenel: Das Auto ist das Konsumobjekt par excellence. Nahezu jeder Bewohner einer großen westlichen Stadt besitzt eines. Und diejenigen, die ohne Arbeit sind, die kein Obdach haben, landen in der Mülltonne. Für mich zeigt sich darin eine Bestimmung des Menschen im Kapitalismus, Abfall zu sein. Als die Autos und Mülltonnen brannten, war das wie ein Opferfeuer, entfacht an den Objekten der Konsumgesellschaft.

STANDARD: Welchen Stellenwert nimmt das Buch ein?

Haenel: Das Buch eignet sich nicht als Konsumsymbol. Es ist eines der letzten Dinge, das sich dem Verbrauch und dem Verzehr entzieht. Sogar wenn niemand sie liest und es scheint, als würden die Bilder alles verschlingen. Denn das Wort entflieht selbst jenen, die es aussprechen. Es besitzt etwas, das sich überträgt. Ein Wort ist wie eine Lawine. Obwohl ich Atheist bin, haben das Wort, die Sprache, das Buch, die Literatur etwas Heiliges für mich.

STANDARD: Kann die Literatur tatsächlich Veränderungen in Gang bringen, oder kann sie nur Utopien entwerfen?

Haenel: Beides. Literatur ist auf verborgene Weise immer politisch. Musil, Kafka, Proust, Beckett haben unsere Art zu leben verändert, weil sie unsere Wahrnehmung und Art zu denken verändert haben. Bücher setzen Gedanken in die Welt. Wenn sich in einer Ecke unseres Planeten etwas Neues ereignet, kommt das von einem Gedanken. Die Literatur kann die Politik nicht ersetzen, weil ihre Wirkungen nicht direkt sind. Es sind indirekte Wirkungen, die mir aber real erscheinen. Sogar die Poesie ist durch ihre winzige, verknappte, aber wahrhafte Wirkung politisch.

STANDARD: "Ein Buch ist in meinen Augen ein 'Glücksfall'", sagt Jean Deichel, Ihr Alter Ego, der mit 43 Jahren in das Auto seines afrikanischen Freundes zieht und seine Tage mit Lesen verbringt ...

Haenel: In meinem Roman kommen auf eine ideale Weise jene, die von der Revolution träumen, und jene, die Opfer sind, zusammen. Deichel träumt von der Revolution. Er hat von ihr gelesen und sich eine Vorstellung von ihr geschaffen. Die Opfer bilden die Gruppe der bleichen Füchse. Sie denken an Jean-Jacques Rousseau, an die Kommune, an Karl Marx, und sie sind sich einig, dass deren Zeit abgelaufen ist und sie keine Wirkung mehr haben können in einer Welt, die diese Werte zerstört hat. Daher haben sie ein anderes intellektuelles und spirituelles System geschaffen, das vielleicht auf den Konkurs des westlichen politischen Glaubens folgen wird.

STANDARD: Halten Sie es für möglich, dass aus den afrikanischen Mythen neue revolutionäre Kräfte erwachsen?

Haenel: Was mich bewegt, ist die Frage, wie man individuell wieder ein politisches Leben zurückgewinnen kann. Damit meine ich, wie man seinen Geist in einen politischen Ort verwandelt. Auf der Suche nach Modellen, die nicht aus der westlichen Welt stammen, bin ich auf die Mythologie der Dogon in Mali gestoßen. Das ist weniger eine Religion als eine Auseinandersetzung mit der Entstehung der Welt. Es gibt darin einen kleinen Gott, den erstgeborenen Sohn des Schöpfergottes. Das ist ein bleicher Fuchs, eine Art Teufel, ein Rebell, eine anarchistische Figur. Er betreibt Politik, indem er sich den Werten seiner Gesellschaft widersetzt.

STANDARD: Hat die Gruppe der bleichen Füchse auch ein reales Vorbild?

Haenel: Ich ließ mich inspirieren von dem, was ich hörte und sah. In der Nähe des Pariser Viertels, in dem ich wohne, zwischen Père-Lachaise und Montreuil, gibt es viele Papierlose aus Mali. Ein wirkliches Vorbild hatte ich nicht. Die bleichen Füchse sind meine Utopie. Ihr Erfindung resultiert aus dem Bewusstsein, dass die politischen Parteien und ebenso die schon lange bestehenden revolutionären Gruppen für Individuen, die sich auch wirtschaftlich in einer schwierigen Lage befinden wie die Papierlosen, nichts zu erreichen vermögen. So habe ich das Modell einer politischen und spirituellen afrikanischen Gruppe entworfen. Ich habe mich gefragt, was sie repräsentieren könnte und wie sie auf gewaltfreie, spirituelle oder sogar rituelle Weise mit ihren Masken agieren könnte.

STANDARD: Ihr Roman enthält ein dezidiertes Bekenntnis zum Schwarzsein: "Wir haben beschlossen, Schwarze, Afrikaner und Dogon zu sein. In unseren Augen gibt es nichts Edleres." Das lässt an die Négritude denken. Für Léopold Sédor Senghor war sie die "Gesamtheit der kulturellen Werte der schwarzen Welt". Ist diese Tradition noch lebendig?

Haenel: Die Négritude war an einen historischen Kontext gebunden. Diese kulturelle Etappe war notwendig, aber gehört der Vergangenheit an. Heute befinden wir uns an einem anderen, leider aggressiven Punkt. Mit dem Anspruch, die schwarze Hautfarbe als eine metaphysische und politische Bestimmung zu begreifen und nicht als etwas, das man erleidet, beziehe ich mich auf Jean Genet. Er forderte, dass die Schwarzen sich radikalisieren und den Zustand des Opfers in Waffen verwandeln. Idee meines Romans ist es, "Waffen" an die schwarzen Sklaven zu geben, die nach Frankreich emigriert sind.

STANDARD: "Ein Gespenst geht um in Frankreich, das Gespenst Afrikas", schreiben Sie in Anlehnung an das "Kommunistische Manifest"...

Haenel: Das Gespenst, das die französische Politik jagt, ist die Verdrängung der kolonialen Vergangenheit.

STANDARD: Aber könnte Afrika für Europa nicht auch etwas anderes sein?

Haenel: Afrika könnte Europa viel mehr als nur Bittsteller bringen. Die Europäer schließen sich in ihre eigene Geschichte ein. Sie haben sich daran gewöhnt, die Afrikaner zu benützen, und verweigern sich der afrikanischen Kultur. Eine Öffnung könnte die Beziehungen zur afrikanischen Spiritualität und Kunst wiederbeleben, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestanden. Damals entdeckten große Künstler wie Picasso die Magie afrikanischer Kunstwerke.

STANDARD: Wie schätzen Sie die Chance ein, dass die revolutionäre Utopie Ihres Romans Wirklichkeit wird?

Haenel: Mein Roman soll Mut vermitteln. Ob dieser Mut zur Tat führen wird, vermag ich nicht vorauszusehen. Vielleicht ist er selbstmörderisch wie in den Ländern Nordafrikas. Was da jedes Mal stattfindet, ist nicht nur eine Rückkehr zur Ordnung, sondern eine Übernahme der Macht durch eine Partei oder häufiger noch durch eine religiöse Gruppierung.

STANDARD: Wenn Sie als Schriftsteller zu Protesten und Revolutionen animieren, empfinden Sie auch eine Verantwortung dafür?

Haenel: Niemand hat von einem Schriftsteller etwas zu fordern. Ich empfinde keinerlei Verantwortung. Sobald ein Schriftsteller sich für etwas verantwortlich fühlt, ist er ein schlechter Schriftsteller. Der Roman Malina von Ingeborg Bachmann ist ein großartiges, außergewöhnliches und engagiert politisches Buch. Aber ich bin überzeugt, dass Bachmann sich den Teufel um eine Verantwortung in der Gesellschaft geschert hat. Die einzige Verantwortung eines Schriftstellers ist es, unruhig zu bleiben und sich nicht durch irgendwelche Diskurse vereinnahmen zu lassen. (Ruth Renée Reif, Album, DER STANDARD, 10./11.1.2015)

Yannick Haenel, geboren 1967 in Rennes, verbrachte seine Kindheit und Jugend in verschiedenen Ländern Afrikas. Nach einem Literaturstudium unterrichtet er Französisch, darunter auch in den Pariser Banlieues. 1996 veröffentlichte er seinen ersten Roman. Im Jahr darauf gründete er mit dem Schriftsteller François Meyronnis die Zeitschrift "Ligne de risque". Auf Deutsch erschienen von ihm die Romane "Schweigen des Jan Karski" (2012) und "Die bleichen Füchse" (2014).

  • Der französische Schriftsteller Yannick Haenel hat seine Kindheit und Jugend in verschiedenen Ländern Afrikas verbracht.
    foto: editions gallimard / catherine hélie

    Der französische Schriftsteller Yannick Haenel hat seine Kindheit und Jugend in verschiedenen Ländern Afrikas verbracht.

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